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gift 03 / 2011
... wenn wir vorher gewusst hätten ... In diesem fünften und vorläufig letzten Gespräch zur ‚Häuserlandschaft‘ freier Theater in Wien kommen Nicole Metzger vom Theater Spielraum, Julia Reichert und Michaela Mahrhauser, Prinzipalin und Puppenspielerin des Kabinetttheaters, Ernst Kurt Weigel vom OFF THEATER, respektive bernhard ensemble und Stéphanie Throehler von der Märchenbühne Der Apfelbaum zusammen. Die in dieser Runde versammelten Strukturen sind allesamt klein – das aber auf sehr verschiedene Art und Weise bzw. mit einer beinahe diametral verschiedenen Programmatik. Das Gespräch moderierte Sabine Kock.


gift: Ernst Weigel, kannst du zunächst kurz die Struktur des OFF THEATERS beschreiben?

Ernst Kurt Weigel: DAS OFF THEATER, früher Stadtinitiative, ist der Trägerverein, in dem ich Geschäftsführer bin, es mietet und verwaltet die Räumlichkeit und checkt über 100 Gastspiele im Jahr. Im Büro sind meine Kollegin Monika Bangert und ich, und innerhalb dieses Verbandes gibt’s derzeit zwei Mitglieder: die Märchenbühne Apfelbaum und das bernhard ensemble.

gift: Ist das ein städtischer Raum?

Weigel: Nein, das hat mit der Stadt nichts zu tun – ganz im Gegenteil: Die Stadtinitiative hat eigentlich ganz selten was bekommen von der Stadt. Genauso wie wir – das bernhard ensemble. Als wir mit unserer dritten Produktion den Nestroypreis gewonnen haben, gab’s ein Preisgeld und eine garantierte Produktion. Davor haben wir eine wahnsinnig erfolgreiche Produktion gemacht, Elisabetta von Dario Fo, und damit 450.000 Schilling – also etwa 30.000 Euro – verdient. Davon mussten wir zehn Jahre lang mehr oder weniger alle unsere weiteren Produktionen finanzieren bzw. bei jeder Folgeproduktion waren wir gezwungen, mit einem Gewinn oder zumindest mit Null auszusteigen, sonst wäre es das Aus für das bernhard ensemble gewesen. Damals haben wir begonnen, konzeptionell mit Sponsoren zu arbeiten – Firmen wir Givenchy, BundyBundy, diverse Baufirmen bis hin zum XXXLutz, auf die waren wir angewiesen.

gift: Das ist ein ganz überraschendes Detail, ihr seid die ersten, die von einem erfolgreichen Anwerben von Sponsormitteln berichten.

Weigel: Ja, durch massives Lobbying. Aber du musst halt deine Haut zu Markt tragen. Das hat sich erst in dem Moment gebessert, als wir als Mitglied in den Verband gekommen sind und uns mit der Märchenbühne zusammengetan haben, um aus der Stadtinitiative DAS OFF THEATER zu machen.

gift: Wie ist die Märchenbühne Der Apfelbaum dazugekommen und wie ist eure Entstehungsgeschichte?

Stéphanie Troehler: Ganz ursprünglich war die Stadtinitiative ein Verband von verschiedenen kulturellen Initiativen, eine davon war die Märchenbühne Der Apfelbaum. Nach und nach sind alle ursprünglich beteiligten Initiativen gegangen, und geblieben ist nur die Märchenbühne Der Apfelbaum von Christa Horvat und der Verein Stadtinitiative-Konzerte. Die Märchenbühne hat sich über Projektzuschüsse und Eigeneinnahmen finanziert. Im Jahr 2006 ist das bernhard ensemble fix dazu gekommen. Dann wurde der Name geändert, in DAS OFF THEATER.

Weigel: Mit unserem Auftauchen haben wir das Haus auf mein Betreiben hin saniert und umgebaut. Es hatte zwar immer einen unglaublichen Charme, aber es war einfach in der Substanz dringend erneuerungsbedürftig.

gift: Welche Spiel- und Proberäume habt ihr?

Weigel: Es gibt den blauen Saal und den weißen Saal, den wir vor vier Jahren aus der bestehenden Substanz gebaut haben.

Troehler: Die Märchenbühne hat ein Büro, eine Werkstatt und einen Proberaum. Da der blaue Theatersaal vielseitig benützt wird, müssen wir nach jeder Vorstellung unsere Bühne abbauen.

Weigel: Ich sag noch ganz kurz zur Finanzierung, damit wir das abschließen: Ich habe die Schulden für die ganzen Umbauten auf meine eigene Kappe genommen, dann war auch endlich eine Soundanlage da, mehr als zwei Scheinwerfer usw. Doch die Investition war sinnvoll und hat auch gewirkt, es ging sofort bergauf mit den Vermietungen. Es gibt ganz viele Gruppen, die bei uns anfragen, die ihre ersten Schritte machen, von uns ggfs. auch Support bekommen, wie man eine Produktion aufzieht, wie man Flyer druckt, …
Diese Offenheit, auch in ästhetischer Hinsicht, war das wichtigste Argument dem Stadtrat gegenüber – jetzt kriegen wir 100.000 Euro im Jahr, davon muss das ganze Haus erhalten werden. 150.000 Euro müssen dazu erwirtschaftet werden, damit der Schuppen läuft. Das ermöglicht zwar der Märchenbühne und dem bernhard ensemble einen grundfinanzierten Spielort, etwaige Produktionsmittel müssen wir jedoch selbst erwirtschaften. Das geht sich manchmal aus, manchmal eben nicht. Denn auch die jetzigen KuratorInnen unterstützen keines unserer zahlreich eingereichten Projekte.

Nicole Metzger: Ich bewundere, dass ihr diese vielen Aktivitäten unter einen Hut bringt, damit hadern wir irgendwie. Wir haben finanziell ähnliche Bedingungen, obwohl bei uns die Miete wahrscheinlich höher ist. Das Theater Spielraum ist eine Gründung von Gerhard Werdeker. Nach zwei selbst adaptierten Kellerlokalen im 15. und 3. Bezirk – die ersten Jahre ganz ohne Subvention – ging es mit den Förderungen der Stadt langsam aufwärts. Dann kam die von vielen Off-Theatermachern als goldene Marboe-Ära in Erinnerung gebliebene Zeit, die uns einen Dreijahres-Vertrag bescherte. Das hat uns so „übermütig“ gemacht – als wir hörten, dass das Erika Kino zusperrt, das angeblich älteste durchgehend bespielte Kino der Welt, haben wir uns seit 1999 darum bemüht. Das war ein unglaublich langer und zermürbender Kampf, aber schließlich haben wir 2001 mit dem Umbau begonnen. Auch hier haben wir wieder mit Unterstützung der Stadt sehr viel selber gemacht … wenn wir vorher gewusst hätten, auf was wir uns da einlassen, hätten wir es uns sicher noch mal überlegt. Uns wurde damals signalisiert: macht mal den Umbau, dann schauen wir.
Für uns war immer der Traum, zu einer Mittelbühne zu werden, den hat dann die Theaterreform sehr schnell zunichte gemacht. Wir leiden noch immer sehr unter den hohen Mietzahlungen, obwohl es für diesen Standort angeblich eine günstige Miete ist. Es geht uns dennoch eigentlich erstaunlich gut dafür, dass es finanziell sehr eng ist. Es ist ein Publikum gewachsen, es ist ein sehr lebendiger Ort von Leuten, die gerne kommen und da arbeiten.
Der Spielraum wurde ursprünglich für Eigenproduktionen gegründet, es war nie unsere Überlegung, das Haus im Intendantenmodell zu verwalten, jetzt haben wir zwei Drittel Eigenproduktionen und ein Drittel Gastspiele – heuer sind es insgesamt ca. 140 Vorstellungen.

gift: Ich möchte jetzt noch zum Kabinetttheater kommen und euch um eine Vorstellung bitten.

Reichert: Es fing alles mit einer sehr privatistischen Initiative 1989 in Graz an. Ich war als Buchhändlerin mit sehr vielen AutorInnen befreundet. So ist aus einer salonartigen Privataufführung plötzlich ein Unternehmen bzw. eine Unternehmung geworden. Wir haben sechs Jahre lang ohne öffentliches Geld gearbeitet, bis wir zum ersten Mal 40.000 Schilling bekommen haben. Dann sind wir nach Wien übersiedelt und haben nach einem Raum gesucht, in dem man auch kochen und bewirten kann, weil klar war, nur mit Eintritten wird das nicht zu machen sein. Diesen Raum haben wir in der Porzellangasse gefunden und er ist sehr klein. Wir haben 30 Plätze. Der Raum Kabinetttheater hat 200 m², in denen ich auch wohne. Ich habe das Projekt mit Christopher Widauer gegründet, der vor zwei Jahren zur Stadt gewechselt ist. Das bringt uns nicht mehr Geld, wie viele meinen, wir haben zum zweiten Mal seit zwei Jahren wieder eine Vierjahres-Subvention von 70.000 Euro von der Stadt Wien mit der Verpflichtung zu 40% Eigendeckung – was heftig ist. Wenn wir Glück haben, kommen vom Bund zusätzlich 20.000 Euro.
Außerdem machen dort Verlage Präsentationen und wir vermieten es ab und zu als Filmlocation, das hilft sehr. Allerdings: das Kabinetttheater kann nicht expandieren, wir können auch nicht mehr als maximal 70 Vorstellungen im Jahr machen, weil wir im selben Raum die Bühnenbilder und Figuren bauen und auch, weil wir auf die Nachbarn Rücksicht nehmen müssen.
Inhaltlich anstrengend ist, dass wir mindestens zwei neue Inszenierungen im Jahr mit der Förderung finanzieren müssen, darunter möglichst eine Koproduktion. Das wird in der Vierjahres-Förderung gefordert. Durch diese Vorgabe können wir aber auch nicht eine Sache, die sehr gut läuft wie z. B. zuletzt die Eisprinzessin, am Stück zwei Monate lang spielen. Der laufende Spielbetrieb wird eben nicht gefördert, sondern drei mal im Jahr etwas Neues zu produzieren. Das müssen wir dann aber auch wo lagern und uns überlegen, kann man das wieder hochhieven, bevor es bei den Leuten nicht mehr im Gedächtnis ist. Auf der anderen Seite kriegt man die Vierjahres-Subvention aber nur, wenn man anbietet, dass man das kann und das bedeutet insbesondere für Koproduktionen, dass ich sie schon mindestens drei Jahre vorher anleiern muss.
Das klingt nach sehr viel Arbeit, aber auch nach sehr viel Freiheit. Andererseits haben wir so genannte Dauerbrenner im Programm – wir machen jetzt zum 17. Mal das Dadaistische Krippenspiel in der Vorweihnachtszeit, da rufen die Leute schon im April an.

Weigel: Ihr wart doch auch im Keller vom Theater an der Wien, war das nicht auch euer fixer Standort?

Reichert: Nein, da waren wir Gäste. Das Konzept war für zwei Jahre mit zwei Produktionen im Jahr gedacht, es wurden dann vier Jahre daraus. Aber das ist jetzt vorbei und andere bespielen den Raum. Wir sind auch ganz froh, denn immer wieder den satirischen Gegenentwurf für die große Oper oben zu liefern, wurde mit der Zeit schwierig. Aber es war gut bezahlt, man konnte sich wunderbare MusikerInnen und einen Regisseur von außen leisten.

gift: Kommen wir jetzt zur Programmatik: Was spielt ihr? Wer kommt als Publikum? Ich habe früher oft versucht, Karten zu kriegen und es war immer ganz schwierig.

Reichert: Das glaub ich gern, das ist so, wenn man nicht in den ersten Tagen bestellt und es läuft zehn Tage und fasst nur ein kleines Publikum. Die Ausrichtung war von Anfang an – schon in Graz – Minidramen, weil so etwas zu der Zeit überhaupt niemand gemacht hat. Damals habe ich festgestellt, dass Literatur im Figurentheater kaum vorkommt, dass alle ihre Stücke selber schreiben. Minidramen passen auch von der Form her sehr gut zu der Art von Theater, zu den vergleichsweise kleinen Bühnen. Wir spielen auf drei bis vier Guckkästen, meistens ist es die literarische Gattung vom ausgehenden 19. Jh. bis jetzt, und da kommt dann noch jedes Mal ein Auftragsstück dazu, für das wir versuchen, über die Literatur- oder die Wissenschaftsecke noch bei der Stadt irgendwie Geld zu kriegen.

Troehler: Werdet ihr eigentlich gezwungen, neue AutorInnen zu beauftragen? Die Projekte der Märchenbühne werden oft abgelehnt mit dem Argument, die Märchen der Gebrüder Grimm seien zu wenig innovativ.

Reichert: Also nein, uns zwingt niemand zu irgendetwas. Aber in unseren Förderanträgen, da steht das schon drin. Der Wolfi Bauer, der HC Artman und der Gerhard Rühm haben für uns geschrieben, weil die in ihrer Literatur auch die kleine Form haben; aber ob das für Förderungen ausschlaggebend war, weiß ich nicht.

gift: Wie entstehen diese Minidramen? Es ist eine einheitliche Vorstellung, hat aber auch diesen spezifischen Revuecharakter, wie kommt ein Konzept zustande? Wie viele seid ihr überhaupt und wie ist die Zusammenarbeit?

Michaela Mahrhauser: Wir sind ein ganz kleines Team, wir sind zwei Stammpuppenspielerinnen und dann gibt’s produktionsbezogen einen kleinen Stamm von PuppenspielerInnen und SchauspielerInnen, die dazu kommen. In der letzten Produktion war ein Schauspielschüler vom Konservatorium dabei, der als Zauberer auftrat.

gift: Und wie kommen die Stücke zustande?

Reichert: Manchmal schreibe und entwickle ich die Texte, in jedem Fall sammle ich sie. Inzwischen sind es an die 50 Stücke. Die Umsetzung der Stücke, die wir in Auftrag geben, entsteht zum Teil gemeinsam mit den AutorInnen. Den dramaturgischen Bogen mach ich zusammen mit der Literaturwissenschafterin Alexandra Millner.
gift: Und Kooperationen macht ihr, weil es ein Auftrag ist, das zu tun?

Reichert: Ja, und weil es auch Spaß macht und den Horizont erweitert, wenn man sich nicht nur im eigenen Strudel bewegt. Zuletzt ist ein Schweizer Ensemble auf uns zugekommen, das im Bereich der Neuen Musik tätig ist, und gemeinsam mit einem Autor und einem Komponisten machen wir jetzt ein Stück von Dylan Thomas, das hier gebaut und geprobt wird, um dann in Zürich uraufgeführt zu werden. Wobei es schön wäre, könnten wir auch unserem Wiener Publikum diese Produktion zeigen, aber das geht sich finanziell nicht aus.
Immerhin, wir machen wieder eine große Produktion mit spannenden KünstlerInnen, für die die Partner das Geld aufstellen. Unter dieser Prämisse können wir Koproduktionen annehmen.

gift: Wie ist das beim bernhard ensemble? Was macht ihr und wie viele seid ihr?

Weigel: Unser Ziel war immer, ein festes Ensemble zu halten, über lange Jahre. Das ist natürlich ganz schwer. Wir sind jetzt etwa zehn Personen, und das seit vier Jahren. Natürlich kann ich die Leute nicht durchzahlen. Meine Frau und ich schreiben Stücke für das Ensemble. Wir arbeiten das gesamte Jahr auch außerhalb der Probezeiten zusammen, haben mindestens einmal pro Woche gemeinsames Improtraining, Tanztraining. Wir haben auch lange gebraucht, bis wir entsprechende KünstlerInnen für unsere theatral-performative Richtung gefunden haben, und sind natürlich so flexibel, dass unsere SchauspielerInnen auch andere Jobs machen können.

gift: Wie würdest du eure Stilistik oder Ausrichtung beschreiben?

Weigel: Das ist ganz schwer, weil wir uns absichtlich immer wieder komplett ändern. Darum haben wir kein festes Publikum, wir haben viel von unserem Publikum auch wieder vergrault, weil die was anderes erwartet haben.
Wir haben jahrelang Stücke geschrieben und umgesetzt, und haben jetzt begonnen, uns an Plots von Bestehendem – also z. B. Brecht oder Bernhard – zu halten, weil wir aufgrund der vielen Arbeit nicht mehr jedes Jahr ein oder zwei Stücke schreiben können. Mittlerweile ist es so, dass viel Originäres von den SchauspielerInnen kommt und improvisiert wird. Aber das muss man natürlich trainieren, und wir sind schon alle sehr gut aufeinander abgestimmt. Dadurch dass ich selber auf der Bühne bin und oft kein Regisseur unten sitzt, sondern dabei die Kamera läuft, steht der Ensemblecharakter im Mittelpunkt.
Ich denke, wir sind ein Wohlfühlhaus, das höre ich immer wieder. Bei uns hat das Publikum meistens eine Funktion, die im Stück abverlangt wird. Das gehört alles zusammen, und uns ist auch die Nähe zum Publikum sehr wichtig.

gift: Welches Publikum ist bei euch und zu welchen Konditionen arbeitet ihr eigentlich? Ich hab vorhin was von Anstellung gehört?

Weigel: Ja freilich, also angestellt beim OFF THEATER ist die künstlerische Betriebsführung mit 16 Stunden, ich bin angestellt als Geschäftsführer, meine Frau auch. Ich kriege 1.200 Euro netto.

gift: Das musst du nicht sagen.

Weigel: Ich sag das gerne – auch in Hinblick auf eure Richtgagenbroschüre. Die Monika bekommt 850 Euro. Mit dem Ensemble habe ich vereinbart, die kriegen im Jahr 14 geringfügige Monatsgehälter. Ein Schauspieler kostet so 550 Euro pro Monat. So versuchen wir uns durchzubringen, es ist immer eine große Rechnerei. Damit machen wir im Schnitt zwei große Produktionen, also es kommt jede/r auf 2.500 Euro netto. Dazu haben die meisten Nebenjobs oder kriegen Arbeitslosengeld. Wir schauen, dass jede/r zumindest 1.000 bis 1.200 Euro im Monat zum Leben hat.

gift: Die Leute arbeiten kontinuierlich bei euch übers Jahr?
Weigel: Ja, aber auch wenn sie insgesamt für neun oder zehn Wochen intensiv proben, dazwischen kommen sie halt zu den Trainings. Aber im Prinzip ist es eine große Freiwilligkeit und es ist schön, dass die Leute das gerne mitmachen.

gift: Wie ist das bei euch bei der Märchenbühne Der Apfelbaum?

Troehler: Strukturell ist es ähnlich, fix sind fünf Mitglieder beim Verein angestellt. Aber natürlich können die wirklichen Arbeitsstunden nicht adäquat bezahlt werden. Auf der Bühne haben wir immer eine/n MusikerIn, eine/n SchauspielerIn und mindestens eine/n FigurenspielerIn. Die maximale Besetzung ist fünf Personen. Für unsere Eigenproduktionen suchen wir bei der Stadt Wien an.
Wir spielen hauptsächlich Märchen der Gebrüder Grimm, die nie an Aktualität verlieren. Unser Repertoire beträgt ca. 20 Stücke, somit haben wir die Möglichkeit, alle zwei bis drei Jahre ein differenziertes Programm anzubieten.

gift: In erster Linie spielt ihr Grimms Märchen, warum eigentlich gerade die?

Troehler: Nun – wenn man im deutschen Sprachraum einen Schatz an Märchen hat wie den der Gebrüder Grimm, warum sollte man den dann nicht nehmen. Das ist unsere Basis. Wir haben aber auch ein siebenbürgisches, ein russisches, ein japanisches Märchen ... Wir spielen diese Märchen sehr Originaltext bezogen. Wir machen den Unterschied zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen. Die Volksmärchen haben eine Bildersprache, die universell ist.
Seit drei Jahren gibt es eine Zusammenarbeit mit dem Orchester der Musikschule Allegria. In dieser Kooperation entstanden Musikstücke wie Der Karneval der Tiere und Das kleine Ich bin Ich. Die Figuren oder Masken werden von jungen TänzerInnen geführt bzw. getanzt. Diese Projekte ermöglichen den jugendlichen MusikerInnen und TänzerInnen eine solide Bühnenerfahrung.
gift: Wie sieht das bei euch im Theater Spielraum aus, was macht ihr und wie schafft ihr es?

Metzger: Natürlich hat jedes Haus seine Geschichte und manchmal entsteht die Linie auch durch die Zwänge der Umstände. Ich kann gar nicht hoch genug schätzen, dass die Standortförderung uns keine Vorschriften macht, und ich finde es z. B. ganz schrecklich, dass ihr im Kabinetttheater eure Stücke nicht so lange spielen könnt, wie ihr wollt.
Unser Ausgangspunkt war und ist noch immer eine sehr starke Literaturgebundenheit. Uns ging es immer um Texte, und auch um das Erforschen von Texten. Wir haben uns selbst die Regel auferlegt, nur Stücke zu zeigen, die mindestens sieben Jahre nicht in Wien waren, wobei die dann oft kurz danach auch woanders gespielt werden.
Wir müssen eigentlich zwei Stücke machen, die sehr gut gehen, dann können wir uns eines leisten, das nicht so gut geht. Wobei wir uns als Publikum einen Stammkundenkreis auch von Schulen erarbeitet haben. Dabei stellen wir fest, dass es ein altes Vorurteil ist, dass SchülerInnen nichts hören oder sehen wollen. Wir bieten nach der Vorstellung grundsätzlich Diskussionsmöglichkeit und haben da schon die schönsten Erlebnisse gehabt. Also, wir brechen eigentlich eine Lanze für die Literatur und – oh Wunder – es geht.
Der Hintergrund unserer Auswahl ist ein im weiteren Sinn politischer. In der letzten Saison war die erfolgreichste Produktion Berlin Alexanderplatz, dessen Dramatisierung Gerhard selbst gemacht hat. Das war wirklich ein Überraschungshit. Ich selber habe gemeinsam mit Peter Pausz jetzt schon ein paar mal „alte Griechen“ inszeniert, für Antigone und König Ödipus haben wir mit der Arenabühne eine Form gefunden, bei der wir zuerst nicht sicher waren, ob das in dem kleinen Raum überhaupt zu vertreten ist. Wir haben aber sehr positive Rückmeldungen bekommen. Heuer haben wir uns eine Risikoproduktion geleistet mit Herr Paul von Tankred Dorst, die dann auch viel besser gegangen ist als wir befürchtet hatten. Das war eine von uns als Kapitalismuskritik gedachte, ironische Geschichte.
Wir betten unsere Produktionen auch ein und machen seit Neuestem Einführungen mit kulinarischen, themenbezogenen Buffets und hin und wieder haben wir Matineen.

gift: Zu welchen Konditionen arbeitet ihr?

Metzger: Da sprech ich sehr ungern darüber, es sind Kellertheater-Konditionen.

Weigel: Mich interessiert es aber, ich finde es wichtig, darüber zu sprechen. Darum finde ich auch die Richtgagenbroschüre der IG so gut.

Metzger: Grundsätzlich ist es so, dass wir die gesamte Verwaltungsarbeit eigentlich ehrenamtlich machen, es gibt keinen einzigen Angestellten, wir selber sind auch nicht angestellt. Wir arbeiten in Produktionsgemeinschaften als Neue Selbstständige. So gerne wir auch ein fixes Ensemble hätten, so aussichtslos ist das. Wir haben einen Kreis von ca. 20 SchauspielerInnen, die so auf der Durchreise sind. Wir wollen, dass für jede neue Produktion ungefähr ein Drittel ganz neue SchauspielerInnen dazu kommen, wobei es andererseits auch Vorteile hat, wenn man einander schon kennt. Das, was die SchauspielerInnen dann wirklich bekommen, ist in dem Bereich von geringfügig Beschäftigten, aber ohne die soziale Absicherung.

Weigel: Zahlt ihr pro Vorstellung, gibt es das noch?

Metzger: Es ist schon auf die Vorstellung kalkuliert, aber im Grunde kommt dann jede/r auf etwa einen Tausender. Es geht nicht anders, und ich genier mich auch nicht, weil ich nicht den Rolls Royce um die Ecke parken habe. Aber es ist halt wirklich Kellertheater. Die Bedingungen sind schlechter als 1999, weil die Fixkosten durch den Umzug viel höher sind und die Subvention der Stadt 2004 um 12.000 Euro gekürzt wurde.

gift: Die Theaterreform sollte ja eigentlich mehr Produktivmittel frei spielen, und real haben wir jetzt eigentlich schlechtere Arbeits- und Lebensbedingungen an mehr Spielorten ...
Welche Jobs gibt es bei euch, was gibt es nicht? Was bedeutet Kooperation bzw. wie sind die Konditionen für Gastspiele?

Metzger: Schwierig. Fix gibt’s bei uns eigentlich nur Gerhard und mich, wir machen alles – von Hausmeister bis Reinigung. Wir bieten den Gastspielen einen Techniker für die Einrichtung der Stücke, das ist stundenmäßig kontingentiert, die meisten kommen aber gut damit aus. Abendtechnik fahren bei uns immer die RegisseurInnen selbst. Von der Vorstellungszahl haben wir etwa ein Drittel Gastspiele, wobei das für uns nie ein Geschäft ist – selbst wenn es geförderte Gruppen sind. Deswegen ist es wichtig, dass man zusammen passt oder eine sehr gute Kommunikation laufen hat. Unser Raum kann sich ja verwandeln für verschiedene Produktionen, wir können alles machen, von Guckkasten, Arenabühne, Breitwand-Cinemascope-Bühne oder was auch immer, das macht sich aber auch nicht von selber, und ich bin nie sicher, wie die Gruppen damit umgehen. Ich bewundere die Frequenz, mit der sich die Gruppen beim Ernst die Klinke in die Hand geben, das ist etwas, was uns immer an die Grenze der Überforderung bringt.

gift: Ähnliches habe ich auch von der Drachengasse gehört, die einen großen Durchlauf haben und sagen, das bringt sie an ihre organisatorischen Grenzen, obwohl dort ja richtige Anstellungen vorhanden sind.

Metzger: Was mir schon auffällt ist, dass grade die jungen Gruppen oft nicht selber anpacken, sondern auf dem Standpunkt stehen, wir machen unser Ding, und warum habt ihr das und das nicht, oder wer macht das für uns? Das ist nicht bös gemeint, aber halt ein völlig anderer Zugang. Diesem wahnhaften Zwang, wir wollen Theater machen und tun auch alles dafür, dem begegnet man nicht mehr so oft. In unserer Arbeit geht’s wirklich um eine Entwicklung mit den SchauspielerInnen gemeinsam, d. h. es gibt kein autoritäres Regieführen, sondern ein ständiges einander Hinterfragen und Befragen auf Basis des Textes, deshalb ist auch bei uns im Haus die Stimmung bei den Eigenproduktionen so gut, weil es wirklich ein gemeinsames Projekt ist, das nicht hierarchisch entstanden ist.

gift: Das erstaunliche bei euch finde ich ja, dass es eine gute Zusammenarbeit mit dem Schulpublikum gibt. Wer kommt noch?

Metzger: Es gibt ein wachsendes Stammpublikum, wo wir gar nicht genau wissen, wie so was entsteht, weil wir ja nicht so leicht zu finden sind – rein medial. Aber es spricht sich doch herum. Die Altersstruktur ist tendenziell jünger, als man sonst so hört.

Weigel: Kommt euer Spielraum-Stammpublikum dann eigentlich auch zu den Gastspielen?

Metzger: Wenig, das wird aber jetzt langsam mehr, nur ist es problematisch, weil sie dann oft sehr überrascht sind, wenn das stilistisch etwas völlig anderes ist.

Weigel: Bei uns durchmischt sich gar nichts, jeder bringt sein eigenes Publikum.

gift: Wie hoch seid ihr im Theater Spielraum ausgelastet?

Metzger: Es kommt darauf an, wie man das definiert. Aber wir haben steigende Publikumszahlen, und ich glaube wir liegen so bei 86 % in der letzten Saison – ohne Abos, nur freier Verkauf.

Troehler: Also, wir sind in der Märchenbühne Der Apfelbaum meistens zu 100 % ausgelastet.

gift: Was sind eure Wünsche und Visionen für die Zukunft? Und: was geht sich nicht aus?

Metzger: Mein allererster Wunsch wäre bessere Gagen für alle. Visionen? Dass unser künstlerischer Aufschwung, den wir gerade erleben, nicht durch äußere Umstände – will heißen weitere Subventionskürzugen – abgekappt wird, dass wir überleben – durchhalten. Was sich nicht ausgegangen ist: wir sind keine Mittelbühne geworden, das war der entscheidende Schlag – und das wird auch nicht mehr werden. Aber ich bin voller Dankbarkeit an alle KollegInnen, die mitwirken, dass es trotzdem geht. Wie weit man dieses System unterstützt, indem man immer trotzdem – trotzdem – trotzdem macht, wäre eine andere Diskussion.

Weigel: Was heißt Mittelbühne, ich verstehe den Wunsch nach Mittelbühne nicht?

Metzger: Mittelbühne heißt, angestellte Leute zu halbwegs anständigen Bedingungen zu beschäftigen.

Reichert: Dann wäre in der Vierjahres-Förderung das Kabinetttheater auch eine Mittelbühne. Es hat keine Standortförderung, das ist sehr anständig, denn es ist ja auch meine Wohnung und ich würde ungern in einer geförderten Wohnung wohnen. Und das hat natürlich auch den Aspekt, dass ich als Leiterin des Ganzen natürlich dort putze und die Concierge bin – das ist ja logisch.

gift: Und wie sieht es bei euch mit Visionen aus, wie möchtet ihr weiter tun?

Reichert: Es sind diese beiden Stränge: das eine ist neues Musiktheater, und das andere sind die kurzen Stücke, und diese literarische Ausrichtung, die möchte ich unbedingt beibehalten und offensichtlich das Publikum auch. Ich weiß, da ist noch so viel drin, es ist spannend und herausfordernd. Und dazu machen wir einmal im Jahr ein abendfüllendes Stück.
Ich hoffe, wir werden uns auch in Zukunft eine/n RegisseurIn und zwei oder drei wunderbare MusikerInnen leisten können, natürlich geht da viel Geld rein – obwohl die MusikerInnen bei uns sowieso schon zu anderen Konditionen arbeiten als wenn sie z. B. im Klangforum spielen.
Und sobald wir als Gastspiel eingeladen sind, schauen wir, dass wir so viel wie möglich rausholen für alle, für die PuppenspielerInnen und für die Gäste.

gift: Können wir noch kurz ein paar Worte verlieren über das Kochkonzept – du musst ja eine Kochgöttin sein.

Reichert: Na ja, das ist sicher übertrieben; aber es passiert immer mal wieder, dass geschlossene Gruppen in unsere Programme kommen und wir für sie Feste ausrichten. Diese Gruppen bezahlen dann eine Miete für den Raum und das Programm und können nach der Vorstellung mit unserer kulinarischen Begleitung dort feiern.
Abschließend gesagt: ich wünsche mir Kontinuität, damit das vor 22 Jahren begonnene sich weiter entwickeln kann. Das kleine Haus im Schatten der größeren Wiener Bühnen möchte ich gerne als Standort noch einige Jahre erhalten, da ich es für eine interessante Alternative halte, das ein inzwischen zahlreiches Publikum anzieht.

gift: Und zum Schluss bitte ich noch um eure Visionen im OFF THEATER.

Troehler: Die Idee ist, dass man das Theater erhalten kann, dass man die Stücke renovieren, auffrischen und Requisiten neu herstellen kann. Wir haben ja ein großes Repertoire, was auch das Publikum befriedigt, aber trotzdem wäre eine neue Produktion alle zwei Jahre schön und gut für das Theater. Mit neuer Besetzung, damit bleibt das Theater lebendig. Was gut funktioniert, ist diese Parallelarbeit mit dem Kinderorchester und den TänzerInnen, da hoffe ich, dass man das weiterführen kann, weil es den Kindern so viel gibt. Geld für Proben wäre schön, aber wir kommen ja grundsätzlich nicht in den Bereich der Gagen, die ihr bezahlen könnt.

Reichert: Das ist aber schon auch eine Frage der Anschauung, denn wenn ich sage, ich krieg 70.000 von der Stadt und 20.000 vom Bund und muss drei neue Inszenierungen machen, da hätte ich auch jegliche moralische Entschuldigung zu sagen, also 100 Euro für einen Auftritt, das kann ich echt nicht zahlen. Aber das muss sich ausgehen, denn ich will nicht mit Menschen zusammenarbeiten, die unter 100 Euro kriegen. Die sind ja vier Stunden da, die tun alles, aufbauen, abbauen, herrichten, Flaschen von der Bar wegtragen und Laub vor der Türe wegkehren – alleine könnte ich das alles gar nicht schaffen.

Weigel: Wir sind auch nicht das ganze Jahr angestellt, voriges Jahr wollte ich mehr Geld in die Werbung investieren, und habe meine Frau und mich für ein halbes Jahr arbeitslos gemeldet, damit wir uns das leisten konnten. Diese Flexibilität ist schön, wenn sie möglich ist. Ich möchte aber auch nicht für nichts arbeiten. Ich leite das Theater und bin stark damit verbunden, aber ich will auch ein Gehalt dafür.

gift: Verrat aber du auch noch deine Wünsche und Visionen.

Weigel: Na ja, viel Geld macht ja auch gebunden, ich wünsche mir einfach ein volles Haus, so wie es jetzt bei Sezuan passiert ist. Natürlich ist mein persönlicher Wunsch, dass ich auch mal mehr Platz habe – ein größeres Theater. Aber ich will die Entwicklung mit meinen Leuten weiter gehen und die auch ordentlich zahlen können.
Ich würde auch unseren Gastgruppen gerne mehr bieten als nur eine Liste von Sachen, die sie nicht tun dürfen, weil das gefährlich ist oder uns viel Geld kostet, vor allem für die, die gerade beginnen. Wir wollen einfach, dass jede/r in der Stadt seine Kunst ausüben kann.


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Michaela Mahrhauser: geb. 1975 in Wien, Puppenspielerin und Mitarbeiterin im Büro des Kabinetttheaters

Nicole Metzger: geb. 1968 in Wien, promovierte Theaterwissenschafterin, ausgebildete Schauspielerin, arbeitet als Dramaturgin, Autorin, Regisseurin und Schauspielerin. Gemeinsam mit Gerhard Werdeker leitet sie seit 2002 das Theater SPIELRAUM

Julia Reichert: geb 1950 in München, Bibliothekarin, Buchhändlerin. Seit 1989 Prinzipalin des Kabinetttheaters

Stéphanie Troehler: geb. in Bern, Musikstudium in Wien, künstl. Leitung Märchenbühne Der Apfelbaum seit 2008

Ernst Kurt Weigel: geb. 1970 in Wien, freier Schauspieler, Regisseur und Dramatiker; leitet seit 2007 DAS OFF THEATER


Weitere Infos:
www.kabinetttheater.at
www.off-theater.at
www.maerchenbuehne.at
www.theaterspielraum.at
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