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gift 04 / 2011
wenn wir was tun wollen müssen wir wissen wie - wenn wir was tun wollen müssen wir wissen wozu - was also tun? von claudia bosse

ich erinnere mich kaum an aufführungen nach denen wir zusammenstehen und über das reden, was verhandelt wurde und darüber, was die in den arbeiten gestellten fragen bei uns auslösen. ich erinnere mich an gespräche, die über das gelingen und aufgehen von konzepten und deren ausführungen handeln, über bessere oder schlechtere darsteller etc. ich erinnere mich nicht daran, dass ich schockiert, aufgewühlt, verunsichert darüber gesprochen habe.
wir konsumieren, es schmeckt uns oder nicht.
ich erinnere mich nicht oft mit kollegen aus dem theater über politische fragen diskutiert zu haben. ich erinnere mich nicht.

das politische im theater ist ein komplexes feld, weil theater zu allen seiten hin abhängig ist und daher anfällig ist für kompromisse und arrangements.
das theater ist für mich ein instrument sich der wirklichkeit anzunähern.
das theater ist für mich der ort der öffentlichen fragen.
das theater ist für mich der ort der gemeinsamen öffentlichen fragen, die keine einfachen antworten zulassen.

ich erinnere mich schon sehr lange keine fragen nach der verteilung der ressourcen manifest gehört zu haben. ich erinnere mich an einzelnes murren, aber nicht an empörung, schon gar nicht aufruhr, der über einzelschicksale hinausweist, zwingende handlungen fordert.

ich frage mich, welche bezüge wir haben können in den kämpfen unseres überlebens, zu den fragen des generellen überlebens. sind wir vorreiter des flexiblen prekariats, sind wir philosophen der tat? sind wir konsumenten der ästhetik, welchen handlungsspielraum haben wir?

in welchem rahmen sind die fragen an das politische im theater zu stellen?
die weisen der produktion? die der verteilung der mittel? die der ethik der arbeit? die der verhandelten inhalte, texte, fragen? die der ergriffenen ästhetik?

ich finde interessant, dass aussagen oft gemessen, gedacht oder überlegt werden im nimbus einer autorenschaft, die häufig ein gewisses geistiges label umrandet und sichert, weil dieser oder jener künstler, autor, schreiber sich ohnehin auf der richtigen seite befindet oder eben auf der falschen, die richtigen (oder falschen) fragen stellt und die richtigen/falschen mittel verwendet.

aber hören wir tatsächlich noch zu, oder sehen wir noch genau hin?
ist es nicht überwiegend kontextuelles rezipieren, das das gesprochene, das das dargestellte umarmt, umrahmt. ich denke, dass man zuhören muss, um sich auf gedanken beziehen zu können, die ohren ganz weit aufspannen muss und die augen aufreissen, um nicht unerträglich beschützt zu sein im nimbus einer denkenden, gestaltenden oder handelnden autorität.

wie werden fakten verknüpft, verkoppelt und zu realitäten geschraubt?

wann sehe ich ein stück, wann sehe ich theater indem ich mich etwas vorurteilsfrei konfrontiere und wann beginnt das abwägen der vergleiche, der bezugnahmen? gibt es ein unschuldiges theater? ohne ausnahme beobachtet man nicht nur das stück sondern sich selbst als fremdkörper oder teilnehmer einer bestimmten community, die kollektiv dieses oder jenes vertritt, diesen oder jenen habitus anwirft im sozialen spiel.

das politische im theater erscheint mir im moment der zweifel zu sein. der zweifel an wirklichkeit, der zweifel an den uns umgebenden wirklichkeiten und die frage nach geschichte und wie diese produziert wird. ich erlebe die vorgänge und szenarien, wie sie in und für libyen entworfen werden, als ein politisches spektakel, als ein spektakel von skripten, falschmeldungen, handlungsweisen, ökonomien, dem entwerfen und verfassen von moralitäten, ressourcen, ansprüchen, legitimationen, als ein spektakel von einer milliarde kosten und 2000 oder 50000 tote nach 3500 nato-angriffen, von bezahlten rebellen und wedeln mit der fahne der demokratie. dem gegenüber bin ich neugierig empört wie sich dieses szenario auflösen wird. in feinrippunterwäsche aus einem loch ziehen oder mit kinderplastikpistolen in pakistan erschossen werden, fällt wohl aus, nachdem 2004 noch von amerikanern reden für den nun verurteilten machthaber geschrieben wurden. ich weiss nicht, was ich demgegenüber tun kann mit theater, denn das theater sollte die mittel seines theaters an den mitteln der politk messen. oder?

„glauben sie an die wirklichkeit?“ so beginnt ein buch von bruno latour. um dann gleich die frage der wissenschaft und die des glaubens nachzuliefern. was ist unsere wirklichkeit? was die romantizismen, was die praktizierten widerstände?

was ist dieser protestierende mittelstand in stuttgart, madrid, ägypten oder israel? die kapitalen krisen reichen nun konkret an die lebensbedingungen der mittelschicht. hat zizek recht mit seiner annahmen zu den englischen riots: „es handelt sich um enttäuschte konsumenten, die einer perversen form des konsums, einem karneval der zerstörung, nachgehen. [...] in viel schlechteren situationen haben es menschen geschafft, sich politisch zu organisieren, was hier vollkommen misslang.“

was heisst sich politisch zu organisieren?

was ist dieses gespenst der demokratie? demokratie war in seinen grundzügen recht vorschrittlich vor 2500 jahren, nachdem die clans die macht unter sich verteilten und reformen her mussten um grössere aufstände zu vermeiden. jedoch war die demokratie in ihren grundzügen immer eine ausschlussgesellschaft, die von ihr ausgeschlossene benötigte, damit diese gesellschaft existieren konnte. existieren durch den auschluss und die leistungen der anderen, damit die an der demokratie teilhabenden zeit haben für die ausübung ihrer privilegien, und damit zeit haben für politische geschäfte, wie die rechtsprechung, die in quälend langen diskussionen ausgehandelt wurde. die dafür notwendigen, aber davon ausgeschlossenen kräfte waren sklaven, frauen, fremdarbeiter. und weil es die gab, hatten einige zeit für die öffentliche sache, die polis, zeit für verhandlungen und zeit sich zu überlegen, wie sie ihre lebensweise organisieren.

in der volksversammlung waren 6000 männer! und 180000 bewohner hatte eine polis inkl. kinder, frauen, fremdarbeiter, sklaven. diese demokratischen enklaven, derer es viele gab, funktionierten, das wissen wir seit aischylos‘ die perser, über einen externen feind, der identitätsstiftend für die eigene gemeinschaft war.

die repräsentative demokratie bezahlt einige wenige dafür, dass sie unsere sache vertreten, zu der wir zwischen drei bis vier parteien entscheiden dürfen. gaddafi sagt in seinem pamphlet, dem grünen buch, dass das mehrheitssystem immer eine diktatur der mehrheit über eine minderheit sei, jedoch mit freiheit nichts zu tun habe. (das werk hat einige zweifelhafte stellen, aber diesen gedanken finde ich denkenswert.)

ich versuche immer wieder zurück auf das theater zu kommen. doch die gegenwärtige politik überrollt mich in einer unglaublichen geschwindigkeit, die orientierungen, neuverortungen von strategien unmöglich macht und andererseits immer hastigere atemlosigkeiten produziert.
sind es pamphlete, die wir benötigen, wie der kommende aufstand vom comitee invisible, oder parabeln, sind es wirkliche menschen, antike tragödien oder lehrstücke von brecht? ich kann es nicht beantworten und es gibt auch keine antwort, weil die frage wäre immer: zu welchem ziel? ist das ziel erziehung, aufklärung, ermächtigung, empörung, aufstand, veränderung? oder geht es um ästhetische bildung, um zumindest zweifel an den verbundfesten wirklichkeitsszenarien der medien zu entwickeln? ist es die flucht oder konzentration in eine sprache von kleist über naturkatastrophen oder aber was?

zusehen geht nicht mehr. zusehen beim versuchen, zusehen bei möglichem. mein sehen soll aufgehoben werden in gemeintem, manipuliertem. theater geht nicht mehr?

in den letzten jahren fällt mir immer mehr auf, dass praktikanten oder interessierte immer schlechter zuschauen können bei proben, bei vorgängen, die nicht funktionieren, noch nicht funktionieren, die zwar möglich sind, aber keine endlichen, definierten. es scheint eine angst oder peinlichkeit zu geben, solcherlei versuchen zuzusehen. die illusion des souveränen subjekts im öffentlichen gebrauch. das suchen, versuchen ist privatisiert.

ich habe immer den eindruck man muss lustig sein, leicht und ironisch und wenn man was ernst meint, darf das definitv nicht der platz des theaters sein. stigmatisiert, weil die anforderungen und anstrengungen des alltäglichen überlebens und orientierens einfach nach entspannung schreien. aber trotzdem: verstörung statt das versöhnende lachen, lächeln, wiedererkennen.

wie setzen wir die uns zu verfügung stehenden mittel ein? ist thomas hirschhorn der bessere politische künstler, weil er die teilnehmer seines spinoza festivals in amsterdam bezahlen konnte? darf man kein chorprojekt machen, wenn man die leute nicht bezahlen kann? oder auch nicht bezahlen will, weil es um andere formen des tausches geht. was sind die prioritäten in der organisation von theaterarbeit, die feststellen, dass es zum jahresende ein budgetdefizit geben wird? ist etwas nicht vorgesehenes zu versuchen ausbeutung derer, mit denen man es macht? ist ein produzieren weit über die mittel, die man hat, weil man es will und richtig findet, eben genau die neoliberale motivationstrainerkralle? auf all diese fragen gibt es immer mindestens zwei antworten. d. h. das überleben in dieser welt ist gezeichnet über offene, unüberbrückbare konflikte, zu denen man verschiedene und zuweilen zweifelhafte ethiken entwickeln muss.

brecht in den usa, vor dem antikommunistischen ausschuss, oktober 1947.
brecht: „he was convinced done damage to the mission he believed in, and he agreed to that, and was ready to die, in order to make not greater set damaged, so he asks his comrads, to help him, and all of them together help him to die. he jumps into an abys, and they leed him tenderly to that abys, and – that was the story“
HUAC: „ so what i get from your remarks, from your answer... he was just killed, he was murdered” (laughter in the audience)
brecht „he wanted to die ...“
HUAC: „so they killed him“
brecht „so they did not kill him, not in this story, they ... he killed himself, they supported him. But of course they told him it were better when he disappeared.“
(loud laughter in the audience)

auch dort ist es die situation, die mich erregt, empört, die einheitliche reaktion der zuschauer ist fast schlimmer als die fragen und die prozedur an sich.

im moment probe ich an einem stück, oder sagen wir eher an einem gemeinsamen verstehen von verstörungen an unserer welt. an den selbstverständnissen von gewaltverhältnissen. versuchen gemeinsamen zweifelns, das vielleicht möglichkeiten schafft, wieder an der wirklichkeit zu lernen und dann irgendwann wieder handeln zu können, das den maßstäben der kräfteverhältnisse, in denen wir uns bewegen, einen moment gleichkommt (eingeräumt, dass das vielleicht nur als eine zeitweise illusion, als zeitweise überzeugung möglich ist).

gibt es kein entkommen? da der kapitalismus als selbstmaximierungssystem so verdammt unmoralisch ist, korrupt, und alle zweifel und krisen erfolgreich integriert, ja sogar an ihnen lernt und sich ausweitet, deshalb gibt es kein entkommen.

wie kann ich da theater machen?

hat ranciere in seinem werk der hass der demokratie recht, indem er behauptet: „die menschenrechte sind demzufolge eine illusion, weil sie die rechte jenes nackten menschen sind, der keine rechte hat. die sind die illusorischen rechte jener menschen, die von tyrannischen regimes aus ihren häusern und ländern verjagt und jeder staatsbürgerschaft beraubt worden sind.“ oder dann später nach agamben im sinne einer marxistischen sichtweise „die menschenrechte sind die rechte der egoistischen individuen der bürgerlichen gesellschaft.“
und weiter vorne in dem werk, „die demokratie als politische und gesellschaftliche lebensform ist die herrschaft des exzesses. dieser exzess nun bedeutet den ruin der demokratischen regierung und muss deshalb von ihr wieder unterdrückt werden.“
und indem er sich auf ein buch von jean claude millner bezieht „jene eigenschaften, die gestern noch dem totalitarismus als einem die gesellschaft verschlingenden staat zugeschrieben wurden, sind nun die eigenschaften der demokratie als einer den staat verschlingenden gesellschaft geworden.“

das theater ist das teilen von zeit, der ort der methoden und fragen. konfrontation von körpern, biografien, techniken, anschauungen, lebensweisen. ich denke anders und mit anderen in proben und in theaterarbeiten und aufführungsphasen, als wenn ich mit freunden am tisch diskutiere oder aber lese, zurückgezogen hinter meiner apartmenttür.

vielleicht ist theater ein labor zum erlernen der techniken von wirklichkeitskomposition und der ort, kollektiv die daran notwendigen zweifel zu formulieren. vielleicht ist das das eigentlich mögliche politische des theaters im moment.

oft der verdacht, dass es zu viele antworten gibt und fast keine fragen mehr. die antworten unterbinden das fragen, stellen lösungen zur verfügung und kürzen das denken ab. die zeit des zweifelns und des fragens: vielleicht die einzige anarchie in den verwertungszusammenhängen und manipulationen von sinn? der entzug von bedeutungen, die dir unentwegt die anweisungen geben, wie die welt zu konsumieren sei, moralisch zu betrachten sei, wahrzunehmen sei?

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Claudia Bosse studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. 1996 gründete sie gemeinsam mit Dominik Duchnik, Heike Müller und Silke Rosenthal in Berlin das Künstlerkollektiv theatercombinat, das seit 1999 in Wien angesiedelt ist.

dominant powers. was also tun?
UA in deutscher und englischer sprache
23.11.2011, 20.00, DOMPOWpalace, hetzgasse 2, 1030 wien
weitere vorstellungen 25./26./27.11. und 1./2./3./4.12.2011, 20.00

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