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gift 03 / 2011
Grüne Töne in der Wiener Kulturpolitik Tristan Jorde im Gespräch mit dem Kultursprecher der Wiener Grünen, Klaus Werner-Lobo, über die Vorhaben der kleineren Regierungspartei in Sachen Migrant Mainstreaming, Vereinigte Bühnen, Prekäriat und die Möglichkeiten der (grünen) Mitbestimmung.

Tristan Jorde: Wie ist es dazu gekommen, dass du Kultursprecher der Wiener Grünen geworden bist?

Klaus Werner-Lobo: Beworben habe ich mich als Menschenrechtssprecher in einer Oppositionspartei, geworden bin ich Kultursprecher in einer Regierungspartei. Meine VorgängerInnen, Marie Ringler und Marco Schreuder, habe mich gebeten, an den kulturpolitischen Verhandlungen anlässlich der Regierungsbildung von rot-grün teilzunehmen, was ich als unglaublich spannendes politisches Feld wahrgenommen habe, zumal ich persönlich die letzten Jahre selbst eine Wandlung durchgemacht habe. Die letzten 10 bis 15 Jahre war ich als Journalist im Menschenrechtsbereich tätig, habe dann vier Jahre in Brasilien gelebt und dort eine Schauspiel- und Clownausbildung genossen, dann davon gelebt, Vorträge über meine Bücher in Form einer Clownperformance zu halten. Dabei erkannte ich, dass man politische Inhalte mit künstlerischen Ausdrucksmitteln viel besser rüberbringen kann als verkopfte Geschichten. Kultur ist eine schöne Möglichkeit auch langfristige Transformationsprozesse einzuleiten und voranzutreiben. Es gibt einen schönen Spruch: Wenn du ein Schiff bauen möchtest, dann nimm keine Leute, die Bretter zusammen nageln, sondern du musst die Sehnsucht nach dem Meer wecken – und das kann Kultur!

Jorde: Im Wahlkampf gab es eine grundsätzlich begrüßenswerte Onlinediskussion über grüne Positionen zu verschiedenen Themen, aber es gab keinen einzigen Punkt zur Kulturpolitik – was ist denn jetzt eigentlich grüne Kulturpolitik?

Werner-Lobo: Unser Schwerpunkt liegt sicher nicht bei der Repräsentationskultur, sondern dort, wo wir Kultur mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen verbinden. Wir haben es beispielsweise geschafft, als zentralen Punkt die Frage der Transkulturalität festzulegen, weil es aus unserer Sicht ein Skandal ist, dass sich in einer Stadt, in der 44 % Menschen mit Migrationshintergrund leben, das fast nicht widerspiegelt. Natürlich gab es immer schon diese ganzen Multi Kulti-Geschichten, aber mit einem sehr „minderheitsartigen“, teils sehr repräsentativen Charakter. Interessanter ist es zu schauen, was man mit einer Gesellschaft machen kann, in der unterschiedliche Menschen zusammenleben, die ganz unterschiedliche Geschichten zu erzählen haben und wo will man jetzt gemeinsam hin?

Jorde: Im Koalitionsabkommen erkenne ich beim Thema Migrant Mainstreaming die grüne Handschrift. Sonst ist es wolkig geblieben. Das einzige was wirklich drinnen steht, ist die Errichtung eines Hauses, nämlich der Neubau des Wien Museums. Ein Klassiker städtischer Kulturpolitik, dass sehr schnell Bauleistungen und große Infrastrukturen gefördert werden und das dann als Kulturpolitik verstanden wird. Ich würde mir erwarten, dass das Ganze auch mit Software gefüllt wird.

Werner-Lobo: Für die SPÖ war es eine Koalitionsbedingung, den Neubau des Wien Museums reinzuschreiben. Wenn man die finanziellen Mittel dafür aufstellt, ohne die Kulturbudgets zu kürzen, bin ich auch dafür und wir werden uns in den Prozess einbringen, im 21. Jahrhundert ein Museum der Stadt und deren BewohnerInnen zu entwickeln.
Es gibt zwei Zugangswege zur Kulturpolitik auf der progressiven Seite: Kulturpolitik für alle, das ist das, was sich die SPÖ auf die Fahnen schreibt, Donauinselfest etc. Und dann gibt es Kulturpolitik mit allen, was mich interessieren würde. Und wenn das Koalitionspapier in manchen Fragen unkonkret ist, hat das den Vorteil, dass weder Andreas Mailath-Pokorny noch ich top-down entscheiden, sondern dass etwas gemeinsam entsteht, dass wir beispielsweise den postmigrantischen Kulturraum mit allen, die es interessiert bzw. davon betroffen sind, ausarbeiten können. So haben wir auch beim Wien Museum reinreklamiert, dass es in einem partizipativen Prozess entstehen soll, abgesehen von der ökologischen Bauweise.

Jorde: Zwei große Linien zeichnen sich in der kulturpolitischen Förderlandschaft ab: Einerseits Groß gegen Klein: Die großen Bühnen bekommen eine Indexanpassung und schon diese allein frisst jeglichen potentiellen Zuwachs oder eine Nicht-Kürzung des Kulturbudgets weg.
Andererseits die Frage der Bauleistungen, Infrastruktur, Neuschaffung von Spielstätten gegen die selbstausbeuterische Situation der Kulturschaffenden, was natürlich ein Kernthema der IGFT ist, daher haben wir auch die Richtgagenbroschüre erstellt. Das ist ein Gemeinplatz, trotzdem tut niemand etwas dagegen.

Werner-Lobo: Was die ganze Situation lösen würde, wäre ein Grundeinkommen für alle. Das können wir in Wien leider nicht einführen, so wie wir auch keine Vermögenssteuer einheben können. Es gibt diesen Satz: In Wien wird kein Theater zugesperrt. Dadurch klammern sich nicht nur die großen Häuser, sondern auch in der freien Szene alle an die Häuser als eine Art Sozialversicherung. Haus X zu schließen, weil kein Publikum und womöglich auch wenig kreatives Potential da ist, ist politisch schwer durchsetzbar. Die in Häusern gebundenen Budgets fehlen aber in der freien Szene. Befreien wir doch einen großen Teil der Kulturschaffenden aus ihren Mauern und fördern gezielter die Menschen, die Potential haben! Mein Ziel wäre es natürlich, auch in Zeiten der Wirtschaftskrise zu sagen, dass Kultur lebenswichtig für eine Gesellschaft ist, noch dazu für eine Metropole wie Wien, und deshalb halten bzw. vergrößern wir das Kulturbudget. Aber ich würde auch stark für eine Umschichtung plädieren, beispielsweise gibt es im Bereich Theater im Topf der Projektförderung 2,5 Mio. Euro, was meiner Meinung nach verdoppelt gehört.

Jorde: Eine langjährige Forderung der IG …

Werner-Lobo: Genauso, wie ihr und die IG Kultur fordert, dass die Leute anständig bezahlt werden müssen.

Jorde: Früher sind die IG´s auf die Straße gegangen und haben Wirbel gemacht, da hat man uns als Krawallmacher bezeichnet; jetzt gibt es einen konstruktiveren Kurs, in dem wir uns in diverse Gremien einbringen, in denen zu Tode „bearbeitskreist“ wird. Trotzdem ändert es nichts an der Situation.

Werner-Lobo: Ohne politischen Druck passiert gar nichts. Das Kerngeschäft der Politik ist die Frage der Verteilungsgerechtigkeit, und eine linke Politik sollte, platt gesagt, die Verteilung von den Großen zu den Kleinen herstellen. Ich vertrete nicht die Meinung, dass die Kleinen automatisch gut und die Großen böse sind. Nur: Wenn Kunstschaffende, egal mit wie viel Talent, das ganze Leben damit verbringen, von einem Tag auf den anderen leben zu müssen, bleibt kein Platz für kreatives Potential. Im Moment schaue ich mir so viel im Theater an wie noch nie in meinem Leben, weil ich mir einen Überblick verschaffen möchte. Dabei erlebe ich vieles als mittelmäßig. Das liegt aber nicht daran, dass die Leute mittelmäßig sind, sondern mehr geht einfach nicht. Die Projekttöpfe müssen besser ausgestattet werden im Vergleich zu den Strukturtöpfen, die von der Politik frei vergeben werden.
Dieses Jahr beginnen wir mit der Evaluierung der Theaterreform, und ich werde dafür plädieren, dass es im KuratorInnen-Modell einen permanenten Wechsel gibt, sodass es schwieriger wird, Seilschaften zu gründen – und die Vielfalt unter den KuratorInnen gestärkt wird: ein größeres Kuratorium mit mehr budgetärer Autonomie für die einzelnen Kuratoriumsmitglieder. Denn sobald ein klein besetztes Kuratorium einen Konsens darüber erzielen muss, welche Projekte als förderungswürdig gelten, geht das systematisch auf Kosten der Vielfalt, denn Kultur muss auch Dissens sein.

Jorde: Wie schätzt du angesichts deiner politischen Absichtserklärungen – mehr Projektförderungen, ein größeres Kuratorium, Umschichtung von den Großen zu den Kleinen – die politische Einflussnahme eines kleinen Koalitionspartners ein?

Werner-Lobo: Als kleiner Koalitionspartner müssen wir Allianzen bilden. Wenn ich alleine was will – und die grüne Kulturpolitik muss ich auf Gemeindeebene fast alleine machen, da wir mit 11 Leuten im Gemeinderat fast keine Ressourcen haben – bin ich auf verlorenem Posten. Wir versuchen gemeinsam mit den progressiven Kräften des Koalitionspartners gute Ideen voranzutreiben. Und wir brauchen den permanenten Austausch mit den Kulturschaffenden und der Zivilgesellschaft. Wir brauchen den Druck von außen, auch des Publikums, was in Wien schwierig ist aufgrund der problematischen medialen Öffentlichkeit, und Kultur ist leider nach wie vor ein Elitethema. Politik reagiert aber nicht nur auf Machtverhältnisse oder darauf, was in der Kronenzeitung steht, sondern besteht auch aus ganz persönlichen Befindlichkeiten. Da muss man Beziehungsarbeit leisten. Budgetverhandlungen habe ich noch keine geführt, Rot-Grün startete erst nach den Budgetentscheidungen, aber bei Personalentscheidungen oder bestimmten Inhalten ist mir das relativ gut gelungen. Jetzt ist es zum Beispiel nicht mehr selbstverständlich, dass alle personalpolitischen Entscheidungen schon im Vorfeld ausgemacht sind.

Jorde: Oder dass gewisse Institutionen jedes Jahr automatisch ein Defizit produzieren, was von der Stadt ohne mit der Wimper zu zucken abgegolten wird. Wenn ein großer Tanker wie die Vereinigten Bühnen am Ende des Jahres sagt, mir fehlen 8 Mio. Euro, bekommen sie diese, aber ein Freischaffender hat für ein Projekt 10.000 Euro bekommen und leider 15.000 verbraucht – da sagt die Stadt: dein Problem!

Lobo: Die Vereinigten Bühnen können theoretisch 20 Millionen Defizit machen, aber die Stadt Wien darf das nicht durch eine Subventionserhöhung abgelten, weil wir ins Koalitionspapier reinreklamiert haben, dass eine schrittweise Kostenreduktion angestrebt wird. Und was im Koalitionspapier steht, ist Gesetz. Uns wäre eine noch größere Umschichtung lieber, was wir aber anerkennen ist, dass es gute Gründe für eine möglichst erfolgreiche Fortführung des Modells Vereinigte Bühnen Wiens gibt. Gemeinsam versuchen wir jetzt einen klareren kulturpolitischen Auftrag an diese großen Tanker – Theater an der Wien, Ronacher, Raimundtheater – zu formulieren. Das bedeutet, dass es nicht nur den ökonomischen – Stichwort Umwegrentabilität – sondern auch einen kulturellen Mehrwert geben muss, dass also sowohl Kulturschaffende als auch das Publikum davon profitieren sollen.

Jorde: Kann man einfordern, dass sie ihr Budget einhalten?

Lobo: Sie können machen was sie wollen, aber sie werden nicht mehr Subventionen kriegen, da fährt die Eisenbahn drüber. Dieses Jahr haben sie 37,1 Millionen Euro bekommen, d. h. nächstes Jahr soll es tendenziell weniger sein.

Jorde: Was werden deine nächsten konkreten Schritte in der Kulturpolitik sein?

Werner-Lobo: Vorrangig wichtig ist mir dieser ganze Komplex der Transkulturalität. Erstens sind wir auf der Suche nach einer Person des so genannten kulturellen Brückenbaus, eine erfahrene, „herzeigbare“ Person, um ein Gesicht für die Idee zu schaffen. Damit wollen wir der interkulturellen Realität dieser Stadt und dem Migrant Mainstreaming zu einer breiten Popularität verhelfen. Es soll auch ein Preis ausgelobt werden, um die migrantische Realität dieser Stadt und den kulturellen Reichtum, der uns daraus erwächst, sichtbar zu machen.
Außerdem wollen wir die Idee des postmigrantischen Kulturraums schärfen, und die sich dafür interessierenden Communities miteinbeziehen. In erster Linie sollen das natürlich Personen sein, die selbst Migrationserfahrung haben, weil sie per se wissen, worum es geht. Wir KulturpolitikerInnen sind hier nur zu Beratende, am liebsten wäre mir, wenn sich die MigrantInnen das quasi selber ausmachen und uns dann sagen, welche Infrastruktur sie dafür brauchen, und was wir noch für sie tun können. Es geht um die Frage des Raumes: Soll das überhaupt ein Gemäuer sein, was für Mittel braucht es, wie soll es personell ausgestattet sein? Das wollen wir in einem ergebnisoffenen, partizipativen Prozess klären, zu dem wir ExpertInnen aus dem In- und Ausland einladen. Beispielsweise dient das postmigrantische Ballhaus Naunynstraße in Berlin als Vorbild, was aber nicht 1:1 auf Wien übertragbar ist. Sehr erfreulich ist natürlich, dass dessen Intendantin Shermin Langhoff zu einer der beiden neuen FestwochenintendantInnen bestellt wurde. Und auch Markus Hinterhäuser hat in seinem bisherigen kulturellen Schaffen eine sehr große Offenheit für alles Neue bewiesen.
Aber das Wichtigste an dem Ganzen: Dieser zu schaffende postmigrantische Raum soll ein Labor werden, von dem Impulse für die ganze Stadt ausgehen. So ein Kulturraum soll keinesfalls nur eine Spielwiese für die 44 % Menschen mit Migrationshintergrund und ein paar Gutmenschen sein, und alles andere bleibt gleich, sondern die gesamte Kulturpolitik der Stadt muss sich gezielt an der Frage der Transkulturalität orientieren und sie fördern.

Jorde: Was muss bis zu den nächsten Wahlen 2015 im Rahmen der Möglichkeiten der Grünen erledigt sein, damit du sagst, das war eine erfolgreiche Amtsperiode?

Werner-Lobo: Das ist zwar „soft politics“, aber das Wichtigste ist, dass sich in der ganzen Stadt so etwas wie eine Aufbruchstimmung verbreitet hat, dass man das Gefühl hat, irgendwas ist da anders als vorher, als BürgerIn dieser Stadt habe ich mehr Zugang und meine Meinung ist gefragt. Man begreift sich als Teil der Stadt und nicht nur als SubventionsnehmerIn, als NutznießerIn der tollen rot-grünen Kulturpolitik, sondern als ein mitbestimmender Teil dessen.

Jorde: Das ist sehr stadt-philosophisch gedacht, aber konkret: Wie groß werden die frei verfügbaren Mitteln für die freie Szene sein im Vergleich zu jetzt?

Werner-Lobo: Ich bin dafür, dass PolitikerInnen öfter sagen, ich weiß es nicht. Mein Wunsch ist, dass es sich mindestens verdoppelt, aber ich weiß es nicht. Was meine Haltung als Regierungspolitiker von einem Oppositionspolitiker unterscheidet ist, dass ich deutlich kommuniziere, sorry, wir können nicht alle Wünsche nach Subventionen erfüllen. Zu mir kommen jeden Tag viele Initiativen, die mich bitten sich für ihr jeweiliges Projekt einzusetzen. Wenn ich das mache, habe ich 2015 ein Burnout und nachhaltig nichts verändert. Daher sage ich gleich, dass ich das nicht tun kann, sondern dass ich versuche, Strukturen zu verändern.
In fünf Jahren wird auch nicht alles so sein, wie ich es gerne hätte, aber es soll klar sein, wer welche Entscheidungen nach transparenten Kriterien trifft, so dass man auch mit den Entscheidungen leben kann, weil ich weiß, warum ein Subventionsansuchen abgelehnt wurde. Denn die Alternative, dass unbeschränkt finanzielle Mittel da sind, gibt es nicht.

Jorde: Möchtest du den Mitgliedern der IG Freie Theaterarbeit etwas sagen, einfordern, fragen...?

Werner-Lobo: Nicht nur den freien Theatergruppen, sondern allen freien Kulturschaffenden in dieser Stadt: Ich habe viele Gespräche geführt und es gibt eine Tendenz der Desolidarisierung unter den im Prekariat Lebenden, dass man schlecht übereinander redet, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Dieses „Teile und Herrsche“-Prinzip funktioniert wunderbar, aber lasst euch das nicht gefallen, sondern versucht in irgendeiner Form solidarisch untereinander zu bleiben, auch wenn ihr unter Umständen in der einen oder anderen Entscheidung eure Einzelinteressen zurückstellen müsst. Aber das ist eure einzige Überlebenschance.


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Tristan Jorde: freischaffender Schauspieler und Sänger für Theater und Film aus Wien; eigene Programme und Lesungstourneen; Sänger, Violinist, Texter und Komponist der Rockband Hotel Atom; Vorstandsmitglied der IGFT seit 2009;
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Klaus Werner-Lobo: Kultur- und Menschenrechtssprecher der Grünen Wien; davor war der ausgebildete Schauspieler und Clown freier Journalist und Buchautor (Schwarzbuch Markenfirmen, Schwarzbuch Öl, Uns gehört die Welt!).
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