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gift 03 / 2011
Warum vom Reden allein das Geld nicht mehr wird Ein Gespräch mit den KuratorInnen für Theater, Tanz und Performance der Stadt Wien, Andrea Amort, Angela Heide, Andreas Hutter und Jürgen Weishäupl zwischen Erfahrungsbericht, Utopie und Desillusion. Das Interview führten Carolin Vikoler und Xenia Kopf.


Der neue Kurator

gift: Andreas Hutter, wir gratulieren zur Bestellung als Kurator – wie sieht dein bisheriger Werdegang aus?

Andreas Hutter: Ich bin in München geboren, habe in Madrid gelebt, in Wien Theater- und Musikwissenschaft studiert. Aus einem Festspielsommer in Bregenz wurden dann 15 Jahre am Landestheater, an dem ich ganz unten angefangen habe: vom Inspizienten über Regisseur zum leitenden Dramaturgen. Die letzten Jahre inszenierte ich im neuen Kunsthaus Performances, was meinen Weg nochmals völlig veränderte hin zur freien Szene. Aber ich habe gesehen, dass ich mit dem, was ich künstlerisch will, im Stadttheaterkontext nicht weiterkomme, weil es dort einfach bestimmte Sehgewohnheiten und Sachzwänge gibt. Jetzt bin ich seit fünf Jahren wieder in Wien.

gift: Die freie Szene ist also spannender für dich als die institutionalisierte?

Hutter: Im Moment schon. Wobei es in der freien Szene viel schwieriger ist, sein Ding zu machen und zu überleben. Es hat drei Jahre gedauert, bis es bei mir losging in Wien. 2010 habe ich im Monty in Antwerpen, im MAK und im Kabelwerk eine Koproduktion mit Belgien inszeniert, und zuletzt DISRUPTED: Der Zerrissene von Nestroy im Nestroyhof.

gift: Kannst du in der nächsten Zeit überhaupt inszenieren? Die bisherigen KuratorInnen sind bis zu dreimal täglich im Theater, führen viele Gespräche mit Förderansuchenden und treffen die Entscheidungen.

Hutter: Das wird nicht gehen. Was ich ohnehin nicht machen kann, sind Theaterprojekte in Wien mit Fördermitteln der öffentlichen Hand. Sollte ich außerhalb Wiens ein Angebot bekommen bzw. seit drei Jahren mache ich Rauminstallationen, die mehr in die Bildende Kunst gehen, würde ich das nicht ausschließen.

gift: Wünschst du dir eine andere Verteilung, wenn du dir die bisherigen Entscheidungen des Kuratoriums anschaust?

Hutter: Abgesehen davon, dass aufgrund der beschränkten Mittel kaum mehr als 10 bis 12 % der eingereichten Projekte gefördert werden können, muss man aufpassen: Selbst hat man immer das Gefühl, zu wenig zu bekommen. Aber es geht darum, dass eine bestimmte Vielfalt da ist, dass neue Leute eine Chance bekommen, aber auch eine Kontinuität fortgeführt wird.

gift: Du bist in diesem Kuratorium Experte für ... ?

Hutter: ... alles was mit Schauspiel, Performance zu tun hat. Diese Genres sind aber nicht mehr praktikable Begriffe, weil das Spartenübergreifende ‚wuchert’. Wobei das nicht immer ein segensreicher Vorgang ist. Ich möchte gerne Arbeiten unterstützen, die einen eigenen Zugang präsentieren – auch radikale Ansätze. Darin sehe ich das Potential für die freie Theaterarbeit.


Die alten, neuen Kuratorinnen

gift: Angela Heide und Andrea Amort, ihr bleibt als Kuratorinnen im Amt. Was sagt ihr dazu, dass nicht das gesamte Kuratorium ausgetauscht wurde?

Angela Heide: Wir halten diese neue Form der beweglicheren Bestellungen für sinnvoll, da so gleichzeitig Knowhow-Transfer wie auch neue Blickweisen und Zugänge ermöglicht werden.

Hutter: So ist es ein sehr gutes Modell. Das schafft einen weichen Übergang statt eines Bruches, wo keiner weiß, wie es weitergeht mit einem neuen Kuratorium.

Heide: Wir kennen ja nun sehr viele in Wien tätige KünstlerInnen und deren Arbeitsweisen und Projekte der letzten Jahre recht gut.

Andrea Amort: Ich sehe das auch so, nur das Wort „im Amt“ sehe ich gar nicht. Bekanntlich haben wir gar kein Büro und wandern – mittlerweile nicht ungern – von Kaffeehaus zu Kaffeehaus. Als Wandernde war ich überrascht, dass man uns neuerlich einen Zweijahresvertrag angeboten hat.

gift: Wie beschreibt ihr euer Verhältnis zur Szene, euer Selbstverständnis? Eure Arbeit besteht ja nicht nur in der Entscheidung, wer Geld bekommt und wer nicht.

Heide: Das gilt in meinen Augen für jedes Kuratorium, das seinen Auftrag und seine Verantwortung ernst nimmt.

Amort: Von „Entscheidung“ würde ich nicht reden. Wir legen der Stadt eine Liste mit Empfehlungen vor. Der Politik steht es aber letztlich frei, dieser Liste zu folgen oder auch nicht. Das Verhältnis zur Szene ist ein äußerst komplexes. Ich kenne sehr viele Menschen in der Szene sehr lange, gleichzeitig habe ich es mit ehemaligen Studierenden zu tun, die ich aus meiner Lehrtätigkeit kenne. Es braucht große Offenheit und anhaltende Gesprächsbereitschaft und immer wieder sehr viel Geduld, um einander zu verstehen. Vokabel wie „Gerechtigkeit“ und „soziale Verträglichkeit“ versuche ich in Einklang zu bringen mit naturgemäß egomanen Ideen und Haltungen seitens „der Szene“. Unsere Position ist insofern schwierig, weil wir Druck von zwei Seiten haben: von der Szene und von der Kulturpolitik. Wir gehören weder zur einen noch zur anderen Seite, sind aber so etwas wie eine Schaltstelle in beide Richtungen.

Hutter: In meinen Augen hat sich bei euch ein richtiges Beratungsangebot entwickelt. Dass diese Bereitschaft für eine Auseinandersetzung da ist, hat schon etwas mit dem Selbstverständnis zu tun. Ich habe das auch anders erlebt, wo es nur um ein mehr oder weniger begründetes „Ja“ oder „Nein“ ging. Mit euch kann man das Projekt aber besprechen, das Konzept oder den künstlerischen Ansatz nochmals überdenken . . .

Heide: Ich sehe meine Verantwortung als Kuratorin jedenfalls umfassender, als nur Förderempfehlungen abzugeben. Bei den Wiener Festwochen z. B. sind heuer mit Doris Uhlich, Anna Mendelssohn, Jan Machacek, Dominik Grünbühel/Luke Baio, Martina Ruhsam und Barbara Ungepflegt erstmalig nicht weniger als sechs Produktionen der freien Wiener Szene vertreten, was im Grunde sehr stark für unsere Arbeit der letzten Monate sprechen würde. Diese KünstlerInnen haben wir wesentlich früher als die Wiener Festwochen oder das Tanzquartier Wien künstlerisch spannend für diese Stadt gefunden und durch die Förderempfehlungen „kuratorisch“ begleitet. Das heißt konkret, sie wurden bereits im Jänner respektive im Juni 2010 für Förderungen durch die Stadt Wien empfohlen und auf unserer Website www.kuratoren-theatertanz.at vorgestellt. Was von diesem sehr spannenden künstlerischen Prozess geblieben ist, ist „Gefördert von der Stadt Wien“ …

gift: Habt ihr das Gefühl, als Kuratorium nur über die Zahlen oder in negativer Weise wahrgenommen zu werden?

Heide: Um was es doch – wie gering die Mittel auch sind – zentral gehen sollte ist, die KünstlerInnen zu stärken, und zwar als gleichberechtigte PartnerInnen von Institutionen, Festivals, KuratorInnen, ja auch der Kulturpolitik. Wir KuratorInnen verstehen uns als Partner von Kulturpolitik und KünstlerInnen. Die Tätigkeit eines Kuratoriums im besten Falle mit einem „gefördert von“ auszuweisen, scheint mir ein wesentliches strukturelles Problem der derzeitigen Förderlandschaft.
Amort: Ich glaube, dass wir sehr wohl geschätzt werden wegen unserer inhaltlichen Gesprächstätigkeit, aber am Ende steht natürlich eine Zahl und damit Geld oder Nichtgeld auf einer Liste mit empfohlenen Projekten.


Förderlandschaft

gift: Bei den kürzlich erschienenen Projektförderungen ist die höchste Fördersumme 25.000 Euro – wieso sind die Förderungen so niedrig?

Heide: Es wird realistischer gerechnet und eingereicht und es gibt einen höheren Anteil an nationalen und internationalen Partnerschaften. Was aber klar gesagt werden muss: Wir verteilen nicht „mit der Gießkanne“. Verglichen mit den durchschnittlichen Empfehlungen der bisherigen Kuratorien seit 2004 bleibt das prozentuelle Verhältnis zwischen Einreichungen und Empfehlungen relativ konstant. Die Anzahl der Einreichungen ist jedoch drastisch gestiegen: waren es vor wenigen Jahren noch 140, sind es heute weit über 200 Einreichungen. Das heißt bei gleichbleibender prozentueller Verteilung auch mehr Empfehlungen. Das geschieht jedoch ohne adäquate Erhöhung der Fördermittel, die seit Beginn der so genannten Reform, also seit bald acht Jahren, nicht erhöht wurden.

gift: Was sagt ihr zu der Aufteilung der Fördersäulen? Beim Kuratorium kann man um Projekt-, Ein- und Zweijahresförderungen einreichen – dann kommt der große Sprung zu den Konzeptförderungen über die Jury. Die Strukturförderung läuft wieder ganz unabhängig davon.

Heide: Wir haben der Kulturabteilung der Stadt Wien dazu konkrete Vorschläge für flexiblere Modelle gemacht, über die wir an dieser Stelle noch nicht reden können. Es fehlt eine kontinuierliche Begleitung der künstlerischen Arbeit. Im Grunde wäre alles nicht so schwierig, wenn die Fördermodelle flexibler gestaltet wären ...

Jürgen Weishäupl: … und nicht für vier Jahre in Beton gegossen.

Amort: Ich glaube mittlerweile, dass Vierjahresförderungen zu lange sind. Es wäre vielleicht auch eine Idee, Dreijahres-verträge zu vergeben mit Aussicht auf Verlängerung nach einer Evaluierung.

gift: Wie verläuft die Kommunikation zwischen MA 7 und Kuratorium?

Weishäupl: Wir stehen dazwischen, mit allen Vor- und Nachteilen. Ich sehe uns als ‚ausgelagerten‘ Teil des Kulturamtes, weil wir für das Kulturamt über die Förderungen entscheiden; gleichzeitig sind wir im Gegensatz zu diesem ganz nahe am kulturellen Schaffen und werden zwangsläufig als ‚KomplizInnen‘ bestimmter künstlerischer Ideen angesehen. Beim monatlichen Meeting mit den VertreterInnen des Theaterreferats der Stadt Wien werden Ideen sehr lebhaft diskutiert.


Dynamiken in der freien Szene

gift: Das Kuratorium ist ein Beobachter der freien Szene. Welche Dynamiken habt ihr in den letzten Jahren in der Theater-, Tanz und Performanceszene wahrgenommen? Wie ist das Verhältnis zwischen jüngeren und älteren KünstlerInnen?

Heide: Es gibt mehr Einreichungen von jungen Leuten, was nicht heißt, dass mehr Junge da sind, sondern dass man heute früher beginnt, eigene Projekte umzusetzen. Ich habe beispielsweise 13 Jahre lang beobachtet, hospitiert, assistiert, studiert und vieles mehr, bis ich dann ‚richtige‘ Dramaturgin wurde und 2001 mein eigenes Produktions- und Dramaturgiebüro artminutes für die freie Szene gegründet habe.

Weishäupl: Diese freien Theatergruppen, wie wir sie aus den 80er Jahren kennen, die über Jahre kontinuierlich gemeinsam an einem ästhetischen Ansatz gearbeitet haben, gibt es kaum mehr. Heute sind es vielfach EinzelkämpferInnen, die sich für verschiedene Projekte in verschiedenen Konstellationen zusammenfinden.

Amort: Aber das hat auch mit den veränderten ästhetischen Prozessen zu tun. Heute suchst du dir jeweils die passenden Mittel für eine Produktion; ein ästhetisch wiedererkennbarer Stil ist so gesehen keine primäre Kategorie mehr, es geht eher um das Umsetzen von Denkleistungen und Fragestellungen.

Heide: Ein über Jahre festgefahrenes Fördersystem kann diese Dynamiken gar nicht wahrnehmen. Vor 20 Jahren war die Szene vielleicht übersichtlicher, heute verändern sich die Zusammensetzungen und auch die Gruppennamen kontinuierlich. Auch die vielen Namensänderungen haben ja meist mit diesen veränderten Konzepten zu tun; und oft ‚verstecken‘ sich hinter mehreren Gruppennamen dieselben KünstlerInnen...

Amort: Es gibt keine freie Szene im klassischen Sinn mehr. Freie Szene hat früher unter anderem bedeutet: Ich suche mir einen Raum, adaptiere diesen und spiele dort. Dazu kam aber auch, dass die anderen Bühnen für die ‚Freien‘ zu waren, das ist ja heute nicht mehr so. Selbst die Burg holt sie sich, wie zurzeit etwa die Needcompany. So sehr ich die Belgier schätze, aber: Ein freies Ensemble von hier hochzuziehen, wäre auch einmal eine Sache. So gesehen ist die Tatsache, dass Liz King und das Tanztheater Wien mit der Volksoper kooperierten, aus heutiger Sicht eine Einmaligkeit geblieben.

gift: Auch wenn ihr nicht in Genres denkt, versucht ihr bei den Empfehlungen darauf zu achten, dass eine Ausgewogenheit da ist? Frau – Mann; jung – alt; Sprechtheater – Musik – Tanz/Performance – Theater für junges Publikum?

Weishäupl: Das geschieht erst im zweiten Schritt des Entscheidungsprozesses. Zuerst treffen wir eine Auswahl, und erst gegen Ende hin versuchen wir, eine Statistik daraus zu generieren. Die hat uns eigentlich immer gezeigt, dass die Auswahl automatisch breit angelegt war – und damit immer eine Widerspiegelung der allgemeinen Realität darstellt.


Migrant Mainstreaming

gift: Was ist mit dem so genannten Migrant Mainstreaming? Es steht im Koalitionspapier – habt ihr in dem Sinne einen Auftrag von der Stadt?

Heide: Wer ist denn MigrantIn? Isländer, Neuseeländer, eine in Ottakring Geborene, deren Eltern nach Österreich gekommen waren, KollegInnen ohne Aufenthaltsrecht …? Es gilt, die künstlerischen Inhalte anzuschauen und zu analysieren; dennoch haben wir zum Beispiel beim letzten Empfehlungsdurchgang eine ganze Reihe von empfohlenen Projekten, die sich explizit mit Migration, Integration und anderem mehr beschäftigen. Dabei schauen wir nicht, ob der/die einreichende Person eh MigrantIn ist, sondern ob das Thema in der geplanten ästhetischen Form umsetzbar ist, welche künstlerischen und operativen Schritte kommuniziert sind.

Weishäupl: Als das zum Thema wurde, haben wir überprüft, wie viele der von uns empfohlenen Projekte einen ‚postmigrantischen‘ Ansatz aufweisen, und sind dabei auf 70 % gekommen. Diese Verbindungen, dass Menschen aus Schweden, Afrika oder der Türkei hier in Wien zusammenkommen und -arbeiten, finden wir in Wien in allen künstlerischen Bereichen. Ich bin ein bisschen skeptisch, so etwas von oben herab zu installieren, das kommt einer Ghettoisierung gleich. Das Ballhaus Naunynstraße in Berlin ist auch nicht von der Politik verordnet worden, sondern ein bottom up entstandenes ‚Grätzelprojekt‘.

Heide: Das könnte man natürlich auch als Stadt vermarkten: Von 27 Projekten sind 20 Projekte ‚super-multi-international‘. Aber wir wurden weder als begleitende ExpertInnen gefragt, internationales künstlerisches Arbeiten in Wien genauer zu analysieren und gerne auch medial zu kommunizieren, noch hat die Kulturabteilung diese Zahlen letztlich für sich genutzt. Es bleibt beim politischen Schlagwort. Und ein postmigrantisches Haus – für wen dann? – zu bauen, hielte ich für gänzlich widersinnig in einer Zeit und Welt, wo international zu arbeiten alltäglich geworden sein sollte. Internationales künstlerisches Arbeiten muss auch gesellschaftlich so eingebettet werden, dass es letztlich nicht mehr als ‚reines Kriterium‘ herauszufiltern ist. Dann erst wären wir am Beginn eines richtigen Weges.

Amort: Wir sollten eigentlich schon weiter sein. Wenn man diesen Umstand des Multi-Kulti-Geschehens politisch verwerten will, könnte man das, was geschieht, einfach mehr betonen. Wenn man aber ganz gezielt Kulturprogramme mit und für beispielsweise türkische MigrantInnen oder ‚die zweite Generation‘ machen will, ist das wieder ein anderer Ansatz, klingt eher volksbildnerisch – und das gehört dann natürlich auch zeitgemäß reflektiert.


Häuserlandschaft

gift: In letzter Zeit sind viele neue Theaterhäuser in der ‚blühenden Wiener Theaterlandschaft‘ entstanden. Wie geht ihr damit um, dass an immer mehr Orten prekär produziert wird?

Weishäupl: Analog zum ‚colourblind Casting‘ geben wir ‚ortsblinde‘ Empfehlungen. Erst im zweiten Schritt schauen wir uns an, wie die Häuser innerhalb unserer Projektempfehlungen aufgestellt sind. Wir sind natürlich in Kontakt mit den Häusern, aber sie sind nicht die Entscheidungsbasis. Sicher ist auch zu überlegen, ob wir wirklich alle Häuser brauchen. Können wir nicht auch mit weniger festen Strukturen die künstlerische Produktion in der Stadt in einer genauso großen Vielfalt durchführen – mit mehr Mitteln für den kreativen Prozess und die Gruppen als für die Mauern?

Heide: Wir haben an die sieben Häuser – respektive Neuintendanzen – mehr als 2004, doch das Budget ist dasselbe geblieben. Nur: Wenn mehr Häuser da sind, gibt es mehr Interessen und mehr Konkurrenz. Je nachdem, wie die Häuser programmiert werden, haben diese bis zu zehn kleinere Produktionen im Monat oder eine größere Produktion über drei Monate und sie alle brauchen bzw. fordern öffentliche Unterstützung.

Amort: Und natürlich gibt es unter den Häusern beliebtere, etwa die, die im Besitz der Stadt Wien sind, die eine bessere Ausstattung haben und in die sicherlich das meiste Geld fließt. Die anderen müssen sich zwangsläufig irgendwie daran inhaltlich und strukturell orientieren. Und dann gibt es auch noch indirekte Begehrlichkeiten der ganz großen Häuser – wie Burg- oder Volkstheater – auf die Projektförderung.

Heide: Insofern wäre eine aktuelle Analyse des Begriffs ‚freies Theater‘ sicherlich notwendig: Sind Häuser, die der Stadt Wien bzw. von ihr ausgelagerter Einrichtungen wie GmbHs oder Trägervereine zu 100 % gehören, ‚frei‘ oder sollten sie transparenter als ‚kommunale‘ Orte öffentlich gemacht werden, die eben für freie Produktionen offen stehen.


Visionen und Utopien

gift: Eine Frage nach einer Utopie: Wie viel Geld wäre denn nötig im Projektfördertopf?

Amort: Das hängt immer davon ab, was die Stadt sonst noch macht: wie sie die Mittel verteilt. Es geht nicht nur um Geld … aber natürlich wären vier Millionen Euro notwendig.

Weishäupl: Und schön wäre es, wenn die vier Millionen dann genauso die 10 % wären wie jetzt die 2,5 Millionen, die wir im Moment empfehlen dürfen – denn dann wären insgesamt 40 Millionen für die freie Szene vorhanden.

Amort: Die große Frage zum Thema Utopie ist, wie man mit den soziokulturellen Projekten umgeht. Es werden mehr und mehr, aber wer finanziert sie? Die Projekte werden hin- und hergeschoben zwischen der Kulturabteilung und den Stellen, die etwa für Migration und Integration zuständig sind. Aber auch Theater- und Tanzprojekte mit Menschen mit und ohne Behinderungen, Theater im Gefängnis und öffentlichen Sozialeinrichtungen – dazu muss man sich etwas überlegen.

Weishäupl: Aufgrund meiner Erfahrungen als Mitglied der Konzeptjury 2009–2013 kann ich sagen, dass es schwierig war, die Brunnenpassage – als Caritas-Projekt! – in die Konzeptförderung hineinzubringen. Wir fanden das Konzept aber wichtig und meinten daher in unserer Empfehlung: Es findet dort nicht nur Theater statt, aber zur Theaterarbeit wollen wir einen Beitrag empfehlen.

gift: … Jürgen, was wirst du in Zukunft machen?

Weishäupl: Kulturprojekte – das, was ich auch mein ganzes Leben „davor“ gemacht habe …



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Andrea Amort: Tanzkritikerin, Tanzhistorikerin, Ausstellungs- und Festivalkuratorin, Sachbuchautorin. Kuratorin im Auftrag der Stadt Wien seit Juni 2009.

Angela Heide: Dramaturgin, Produzentin, Kuratorin, Theaterwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Wiener Theatergeschichte; seit 2001 Leitung artminutes, seit 2002 Co-Leitung WOLKE 7; u. a. Initiatorin der Projekte KinTheTop – Wiener Theater- und Kinotopografie und PPiSW – Performative Praktiken im Stadtraum Wien.

Andreas Hutter: Magister der Theater- und Musikwissenschaft an der Uni Wien, seit 20 Jahren Regisseur, Dramaturg, Szenograph und Kostümbildner, zuletzt mit seiner Plattform SPACES vermehrt im Bereich Performance/Rauminstallation tätig.

Jürgen Weishäupl: freier Kurator und Kunstproduzent; Arbeiten für Ruhrfestspiele Recklinghausen, Bregenzer Festspiele, Zirkus Busch Berolina, Accademia di Montrel, Tiroler Festspiele, Kunsthalle Wien …; Mitglied der Theaterjury der Stadt Wien für die Konzeptförderung 2008-2013; 2009-2011 Kurator für Projektförderungen der Stadt Wien.

Xenia Kopf: wissenschaftliche Mitarbeiterin des außeruniversitären Forschungsinstituts österreichische kulturdokumentation (www.kulturdokumentation.org), redaktionelle Mitarbeiterin der gift und Grafikerin.

Carolin Vikoler: Mitglied des Theaterensembles daskunst (www.daskunst.at), Theaterwissenschaftlerin, Mitarbeiterin der IGFT.
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