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gift 03 / 2011
Offener Brief von Hubsi Kramar an Christopher Widauer anlässlich des von der Kulturabteilung der Stadt Wien verlangten mission statements von Wiener Theaterhäusern

lieber christopher widauer,


hier hubsi-post, eine halbe seite brandaktuelles „mission statement“ zu meiner aktuellen theaterarbeit im sinne von „yes we can“ nach obama bin happy.

entschuldige wenn ich zaghaft darauf hinweise, dass bei dir im kulturamt durch meine mehr als 30jährige theaterarbeit in dieser stadt schon viele „mission statements“ liegen, vielleicht ja so viele, dass man es nicht mehr überblicken kann, das verstehe ich.
angespornt durch den wunsch nach neuen berichten über unsere täglichen versuche, rest-zeit zu gewinnen, um auch unsere künstlerischen arbeiten durchzuführen (das ist nämlich ziemlich intensive arbeit, falls sich das noch nicht herumgesprochen haben sollte), schreibe ich hier eine offene und ehrliche antwort.


1. teil: kurzfassung des gewünschten „mission statements“

a) es ist krieg und ein paar verwegene versuchen, in dem ganzen wahnsinn theater zu machen, als statement für ein anderes leben

b) erhöhung der subvention, um eine person anstellen zu können, welche die neuerlich geforderten berichte verfasst, am besten in englisch und deutsch


2. teil: ausführung dieser kurzfassung

zu a) – krieg und theater – ist ja nicht viel hinzuzufügen – kurze statements sagen mehr als seitenweise abhandlungen, sprich: intellektuelle ablenkungsmanöver

zu b) als geübter österreicher verstehe ich ja die sehnsucht und die sadomasochistische komponente (immanenter österreichischer staatsneurotischer defekt) dieser struktur des apparates, das wesen der bürokratie, viel weiteres papier (jetzt: bits and bites) und immer mehr davon, anzuhäufen (legitimation).
für künstlerInnen ist es ja sehr wichtig, an dieser legitimationsunterstützung mitzuwirken, damit wir ja nicht vergessen, worum es eigentlich geht: sichtbare, messbare unterwerfung – DEMUT – KUNST SOLL LEIDEN – so wird geteiltes leid erträglich für alle beteiligten. was daraus jedenfalls klar ersichtlich ist: welchen geringen stellenwert dabei das künstlerische schaffen hat und die einsicht, wie viel wir uns ohnehin ständig selbst ausbeuten.
kurz gesagt: schreibt berichte – am besten täglich zehn – ihr habt ja sonst nichts zu tun. unsere ansuchen, beschreibungen, selbstdarstellungen, werkübersichten, umfangreichen statistiken etc., die uns ständig an den rand des – offensichtlich gewünschten – wahnsinns treiben, sind anscheinend zu kompliziert.
aber ich bin feuer und flamme, wenn dafür unsere subventionen erhöht werden, um einen ganztagsjob eines neuen mitarbeiters oder einer mitarbeiterin zu finanzieren, dann finde ich vielleicht auch untertags wieder zeit, künstlerisch zu arbeiten. bezugnehmend auf deine zeit als künstlerisch schaffender mensch ist diese subventionserhöhung sicherlich auch in deinem solidarischen sinne. ich vermute sogar, dass du damit eigentlich beabsichtigst diese wichtige forderung durchzubringen, da du ja weißt, wie kraft- und zeitraubend alleine die künstlerischen und organisatorischen tätigkeiten sind, um ein projekt durchzuführen.
wir erwarten also dringend eine reduktion des bürokratischen overkills zugunsten unserer künstlerischen arbeit, das wäre doch wirklich einmal etwas positives, eine dringend notwendige reform der theaterreform, die auch uns betroffenen helfen würde; oder eben mehr subvention, um jemanden dafür anstellen zu können. die leute im kulturamt sind ja auch angestellt – da sieht man, wie schnell die praktiken des kulturamtes – auf uns angewendet – einer wunderbaren zufriedenheit aller dienen könnte. nur mut – wir schätzen das!

mit herzlichen grüßen
hubsi kramar, juni 2011

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Hubsi Kramar: Geboren 1948; seit Jahrzehnten Aktionist, Schauspieler (Bühne und Film) und Regisseur; seit 2006 Aufbau und Leitung des 3raum-anatomietheaters. Neben intensiven Auseinandersetzung mit experimentellem Theater auch immer wieder zahlreiche Schauspiel-Engagements an großen Häusern (Burgtheater, Staatsoper, Theater in der Josefstadt, Schauspiel Bochum, Nationaltheater Heidelberg u.a.).
Am 22. Juni 2011 verlieh Kulturstadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny Hubsi Kramar das „Goldene Verdienstzeichens des Landes Wien“
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