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gift 03 / 2011
Work SMart Auf einem Panel des ietm spring meetings in Stockholm über prekäre Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen und Ideen darüber, wie man sie verändern könnte, stellte sich Folgendes heraus: In Belgien wird unter dem Namen SMartBe in großem Rahmen ein Modell realisiert, das der 2001von Juliane Alton für die IGFT entwickelten Idee einer Arbeits GmbH sehr nahe kommt – und das mit großem Erfolg.
Julek Jurowicz, Mitbegründer und Geschäftsführer von SMartBe, hat dieses Modell auf Einladung der IGFT Ende Mai in Wien vorgestellt – im Rahmen einer konzentrierten Arbeitstagung sowie auf einem öffentlichen Podium, an dem auch Günter Lackenbucher (bm:ukk) und Walter Pöltner (bm:ask) als zentrale Ansprechpartner im Prozess interministerieller Arbeitsgruppen sowie der kurzfristig für Roland Sauer eingesprungene Christian Operschall (bm:ask) teilnahmen.
Die Begeisterung über das Belgische Modell war so groß, dass alle Beteiligten gemeinsam daran weiter denken wollen, inwiefern SMart auch auf Österreich übertragbar wäre. Gleichzeitig bot der Vergleich mit den ganz anderen Rahmenbedingungen in Belgien und in Österreich einen guten Ausgangspunkt, die derzeitigen Prozesse der interministeriellen Arbeitsgruppen sowie aktuelle in Europa diskutierte Fragestellungen internationaler Mobilität auf einer kulturpolitischen Metaebene auf neue Art zu reflektieren.


Anstellungen für KünstlerInnen in Belgien – ein Best Practice Modell mit europäischer Perspektive?
Von Julek Jurowicz & Sabine Kock

SmartBe ist ein gemeinnütziger Verein in Belgien, der als eine dritte Kraft zwischen den Vertragsparteien Verträge für KünstlerInnen abwickelt und sich dabei zum Ziel gesetzt hat, entgegen der zunehmenden Prekarisierung von Arbeitsbedingungen in Kunst und Kultur (Stichwort: kurzfristig wechselnde selbstständige und angestellte Arbeitsverhältnisse mit dazwischen liegenden Zeiten von Arbeitslosigkeit bzw. Einkommenslosigkeit) wieder mehr Elemente sozialer Sicherheit und Nachhaltigkeit im Erwerbsleben von KünstlerInnen zu ermöglichen.
SMartBe wurde 1998 von Julek Jurowicz und Pierre Burnotte mit einem Büro in Brüssel eröffnet und konnte nach einem Jahr bereits mehrere hundert Mitglieder aufweisen. Dreizehn Jahre später sind in Belgien mehr als 38.000 KünstlerInnen, TechnikerInnen und allerlei Kulturschaffende (die für über 40.000 Auftraggeber arbeiten) Mitglied bei SmartBe. Das abgewickelte Vertragsvolumen überschreitet im Jahr 2011 die Grenze von 100 Mio. Euro. Bei SmartBe selbst arbeiten mehr als 120 MitarbeiterInnen.
Bislang wickelt SMartBe dabei grundsätzlich Angestellten-gleichgestellte Arbeitsverträge ab, das entspricht auch der zu Grunde liegenden Philosophie, da Anstellungen den KünstlerInnen Zugang zum sozialen Netz und auch auf lange Sicht mehr soziale Sicherheit geben, dennoch erwägt das Team aber derzeit auch die Entwicklung eines Bereichs für die Abwicklung selbstständiger Arbeitsverhältnisse.


Rechtliche Grundlagen …

Grundlage hierfür bietet eine Gesetzesnovelle aus dem Jahr 2002. Seitdem gelten in Belgien (§ 1 des Gesetzes über das Soziale Sicherheitssystem) KünstlerInnen grundsätzlich sozialrechtlich ArbeitnehmerInnen gleichgestellt, unabhängig davon, ob ihre konkrete Tätigkeit arbeitsrechtlich eher einen selbstständigen oder einen angestellten Charakter hat. Als Ausnahme zu dieser Regel darf der/die einzelne KünstlerIn sich bei einem Ausschuss um den Status der Selbstständigkeit bewerben.
Anlassfall für die Novelle war der Fall einer Schriftstellerin, die ein Werk verfasste, während sie Arbeitslosengeld bezog, woraufhin das Arbeitsamt Rückzahlungsansprüche geltend machen wollte, als das Buch herausgegeben wurde. Der Fall kam vor Gericht, die Ministerin wurde eingeschaltet und so kam das Ganze auf die politische Agenda und hatte letztendlich die Gesetzesnovellierung zur Folge.


…und die praktische Abwicklung

Praktisch besteht die Kernarbeit von SMartBe darin, mithilfe eines speziell entwickelten Online-Tools Verträge abzuwickeln, zeitgerecht die damit verbundenen sozialrechtlich wie arbeitsrechtlich notwendigen Meldungen an die entsprechenden Behörden zu machen, die Abwicklung der Geldflüsse zu übernehmen und mithilfe einer transparenten Online-Architektur den Stand des Vorgangs nachvollziehbar und einsehbar für die KlientInnen darzustellen. Die bereitgestellten Dokumente vereinfachen wesentlich die Vorbereitung der Steuererklärung. Auch in diesem Bereich bietet das Team von SMartBE dem Mitglied Hilfe.
Mitglieder können so online praktisch von zu Hause aus ihre Verträge vorbereiten – darüber hinaus gibt es auch standardisierte Vorgaben für Abrechnungsmodalitäten wie etwa Kommunikations-, Transport- oder Sachkosten, die von der Steuer akzeptiert werden.
Die dahinterliegende Idee war es‚ unnötige kleine Strukturen überflüssig zu machen und eine an der Praxis von KünstlerInnen entwickelte strukturelle Gesamtlösung zu finden. Dabei gibt es eine Garantie, dass die zu überweisenden Personalkosten spätestens sieben Tage nach Ende des Vertrags ausgezahlt werden (und bei mehrmonatigen Verträgen ohnehin jeweils zum Monatsende), auch dann, wenn entsprechende Fördergelder, Sponsorgelder, Unterstützungen etc. noch nicht bei SMartBe eingegangen sind.
SmartBe übernimmt nicht nur den Part, ausstehende Gelder auf der Arbeitgeberseite des Vertrags ggfs. einzufordern, sondern garantiert auch eine Ausfallshaftung gegenüber den KünstlerInnen. (Dabei gibt es derzeit nur 1 Promille reale Ausfälle.)
Für seinen Service berechnet SmartBe 6,5 % der Gesamtvertragssumme – und hält die KünstlerInnen an, diese Summe bei Vertragsverhandlungen mit zu bedenken und so zu verhandeln, dass keine Dumpingverträge zu Lasten der KünstlerInnen entstehen. Bei Gründung der Initiative war das damals noch kleine SMart Team bemüht, den einbehaltenen Prozentsatz unter 5 % zu halten. Dies erwies sich jedoch nur bedingt als realistisch.
Zudem wurde von den Mitgliedern die Ansparung eines Fondsvolumens gewünscht, aus dem (siehe oben) fällige Summen auch dann fristgerecht an die ArbeitnehmerInnen ausgezahlt werden können, wenn sie noch nicht von der Arbeitgeber-, Fördergeber- oder Sponsorenseite bei SMartBe eingelangt sind. Dies ist in Belgien mit der Marge von 6,5 % möglich geworden, die auf der Generalversammlung im Jahr 2004 beschlossen wurde.

Grundsätzlich können beide Vertragspartner – Arbeitgeber Innen und ArbeitnehmerInnen – einen Vertrag über SMartBe eingeben, aber nur die KünstlerInnen können Mitglied bei SMartBe werden.
SMartBe hat im übrigen kein Monopol auf die Abwicklung künstlerischer Verträge und strebt dies auch nicht an. Manche ProduzentInnen im Kunst- und Kulturbereich wickeln ihre Lohnverrechnung – insbesondere bei internationalen Verträgen – auch mit klassischen Leiharbeitsfirmen, wie etwa Randstad, ab.


Weitere SMart Tools

Neben seiner Haupttätigkeit hat SmartBe seine Serviceleistungen mittlerweile um folgende Tools erweitert:

Da viele KünstlerInnen neben ihrer künstlerischen Tätigkeit auch nicht-künstlerische Arbeitsverhältnisse eingehen, können mittlerweile auch diese über SmartBe abgewickelt werden. Die Online-Maske bietet auch hierfür Eingabefenster und ‚verortet‘ den Vertrag nach einem Fragenkatalog jeweils als künstlerische oder nicht-künstlerische Tätigkeit (für die dann ggfs. andere sozialrechtliche und steuerrechtliche Grundbedingungen gelten).

Daneben wurde ein Technikpool aufgebaut, aus dem Musik-, Sound-, Lichtanlagen, Transportfahrzeuge etc. gemietet werden können.

Seit einiger Zeit bietet SmartBe auch Mikrokredite an, um z. B. ein Instrument, eine Anlage oder auch einen Computer zu kaufen. Diese Initiative richtet sich an die Zielgruppe von KünstlerInnen, die aufgrund ihrer prekären Arbeitsbedingungen nicht ohne weiteres einen Bankkredit bekommen könnten. Dafür liegen die Zinsbedingungen derzeit faktisch höher als bei einer normalen Bank. Das Kreditverfahren ist eine Mischform aus Leasing und Kredit.

Eine eigene Researchabteilung erforscht seit 2008 in enger Zusammenarbeit mit WissenschaftlerInnen die kulturpolitische Entwicklung in Europa und bemüht sich, einen Überblick über entsprechende Studien und Maßnahmen zu entwickeln.

Die Homepage von SmartBe bietet mittlerweile zusätzlich das Tool AGORA – Marktplatz, auf dem Mitglieder ProjektpartnerInnen, MitarbeiterInnen etc. suchen und finden und über verschiedenste Anliegen miteinander kommunizieren können – wie in anderen sozialen Netzwerken.


Arbeitsrechtliche Erleichterungen für KünstlerInnen in Belgien

Die rechtliche Situation ermöglicht KünstlerInnen in Belgien grundsätzlich einen vergleichsweise leichten Zugang zum Bezug von Arbeitslosengeld:
‚Normale‘ ArbeitnehmerInnen müssen 312 Tage (6 Tage x 52 Wochen) angestellte Tätigkeit innerhalb von 18 Monaten nachweisen, um einen Anspruch auf Arbeitslosengeld zu erwerben. Für KünstlerInnen gilt aufgrund ihrer besonderen Arbeitsbedingungen von kurzfristig wechselnden Beschäftigungsverhältnissen mit dazwischenliegenden Zeiten von Arbeits- bzw. Einkommenslosigkeit folgende Regelung:
Ein Bruttolohn von etwa 37 Euro gilt als Äquivalent für einen angestellten Arbeitstag, d. h. mit einer Gesamtsumme von Einkünften aus künstlerischer Tätigkeit von mindestens 11.544 Euro (37 Euro x 312 Tage) – erwirtschaftet in einem Zeitraum von 18 Monaten – entsteht ein Anspruch auf Arbeitslosengeld.
Dieser Anspruch muss nur einmal im Leben erwirtschaftet werden. In den Folgejahren reicht der Nachweis eines einzigen Vertrags über künstlerische Arbeit von mindestens 37 Euro aus, um einen Arbeitslosengeldanspruch auf gleichem Niveau wie im Vorjahr zu erhalten.


Kritikpunkte

Von Seiten der Gewerkschaften und mancher ProduzentInnen gibt es Kritik an dem Modell: Die Gewerkschaft kritisiert, dass sich SMartBe auf Angestellten-gleichgestellte Verträge im Bereich der Kunst spezialisiert, anstatt auf ‚echte‘ Anstellungen. Dazu ist die Argumentation von SMartBe, dass die Gewerkschaft hier Ursache und Wirkung vertauscht: die Gründung ist ja eine Initiative aufgrund eines fehlenden Tools für vorhandene Arbeitsverhältnisse, und die steigenden Mitgliederzahlen signalisieren den Bedarf. ProduzentInnen kritisieren, dass KünstlerInnen innerhalb von SMartBe gut aufgeklärt sind und gemäß der Philosophie deutlicher auf ihre Rechte und Vertragshöhen pochen.


SMart goes Frankreich – und die Vision SMart EU

Pragmatisch ausgelöst durch eine hohe Mobilität von KünstlerInnen zwischen Frankreich und Belgien entstand die Nachfrage nach einem entsprechenden Tool in Frankreich. Nach vier Jahren Entwicklung und relativ hohen Investitionskosten (von über einer Mio. Euro) hat vor einem Jahr SMartFr in den großen französischen Städten sieben erste Büros eröffnet.
Nun möchte SMart eine europaweite Initiative werden und bemüht sich aktuell, in verschiedenen Nationen PartnerInnen zu finden. Hierfür steht seitens SMartEU ein Team von derzeit sechs Personen zur Verfügung, und eine internationale Reflection Group wurde ergänzend initiiert, die den Entwicklungsprozess begleiten und mitsteuern soll. An dieser Gruppe nehmen derzeit aus Österreich Sabine Kock (IG Freie Theaterarbeit, Kulturrat Österreich) und Günter Lackenbucher (bm:ukk) teil.

Das Interesse an der SMart Initiative und das allgemeine Feedback auf das öffentliche Podium der IG Freie Theaterarbeit war von Seiten des bm:ask und bm:ukk sowie im Publikum so positiv, dass in einer gemeinsamen Bündelung aller Kräfte nun konkret eruiert werden soll, ob und wenn ja in welcher Form sich das SMart-Modell in Österreich adaptieren ließe. Wir werden berichten.

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Julek Jurowicz ist Mitbegründer und Geschäftsführer von SMartBE
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