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gift 03 / 2011
Ausgezeichnet Am 22. Juni wurden zwei auf ganz verschiedene Art unangepasste Theatermacher – Conny Hannes Meyer und Hubert/Hubsi Kramar geehrt. Unter stehenden Ovationen des zahlreich erschienenen Publikums verlieh ihnen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny das Goldene Verdienstzeichen der Stadt Wien. Im Rahmen des Festakts im Wiener Rathaus sprachen Lucy McEvil und Dieter Schrage über die Ausgezeichneten.


Laudatio für Hubsi Kramar
Von Lucy McEvil


Hallo, meine Lieben,
ich habe mich sehr gefreut, als mich Hubsi Kramar gebeten hat, hier und heute seine Laudatio zu halten. Es ist meine erste Laudatio und ich hoffe, ihr werdet die nächsten drei Stunden genauso genießen wie ich.
Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen in der Rolle großer LaudatorInnen zu bleiben und hauptsächlich über mich zu reden, aber Hubsi Kramar macht mir das verdammt schwer.
Es gibt mannigfaltige Gründe, warum er eine Auszeichnung verdient, was sogar seine Gegner einsehen, da sie ihm alleine zutrauen, einen Preis zu entwerten – etwas, das in der Vergangenheit nicht mal ein kindermordender Nazi-Arzt wie Heinrich Gross mit dem Bundesverdienstkreuz geschafft hat. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur sauer, weil Herr Stadtrat Mailath-Pokorny diesen Termin ausgerechnet zu den Sonnwendfeiern angesetzt hat. Deshalb hat erst kürzlich unter anderen der Kultursprecher der FPÖ dagegen protestiert. (Kultursprecher ist allerdings ein Widerspruch in sich – da diese Partei mit Kultur ebenso viel am Hut hat, wie Dagmar Koller mit Kernphysik.)
Aber nun zu den Gründen die so eine Auszeichnung mehr als rechtfertigen:
Alleine für die Tatsache, dass er mir eine Bühne zur Verfügung stellt, gehört ihm jede nur erdenkliche Auszeichnung verliehen – aber Schwamm beiseite. Hubsi hat bleibende und wichtige Spuren in der Wiener Theaterlandschaft hinterlassen: Er, der sich in seiner Arbeit gerne als Stadtnomade bezeichnet, hat viele Plätze – mit großem Einsatz und viel Arbeit – für‘s Theater urbar gemacht, die, nachdem er sie entdeckt und bekannt gemacht hat, zu bleibenden Institutionen geworden sind. Um nur einige zu nennen: Das Kabelwerk in Meidling, das Residenztheater im Museumsquartier und zuletzt das 3raum anatomietheater, wo ich die Freude hatte, ihn kennenzulernen und mit ihm zusammenzuarbeiten, und das er laut Presseaussendung des Bundeskanzleramts binnen kürzester Zeit zu einer der spannendsten Off-Bühnen in Wien gemacht hat.
Er wird von den Medien hierzulande wegen seiner Theater-direkt-Aktionen gerne als Provokateur und Chaot hingestellt, was absolut jeder Grundlage entbehrt. Erstens hat er Ausbildungen, von denen andere nur träumen können – Reinhardt Seminar, Filmhochschule Wien, Lee Strassberg School New York, Abschluss in Kulturmanagement in Harvard/USA; und zweitens ist es einfach dumm, ihn einen Provokateur zu nennen, da er nur auf Provokationen mit theatralen Mitteln reagiert und diese sind in unserer Gesellschaft und in der Politik reichlich vorhanden.
Er bleibt mit seinen Arbeiten am Puls der Zeit und streut Salz in die Wunden unserer Zeit, die sonst gerne weiter vor sich her faulen gelassen werden. Ob es nun wie zuletzt die Produktion Wiener Blut war, wo es um ImmigrantInnen und die Probleme und Anfeindungen ging, denen sie ausgesetzt sind – oder Pension F, wo die Rolle der pornografischen Berichterstattung der österreichischen Massenmedien und Missbrauchsopfer Thema war. Das ist nicht eine oberflächliche ausbeuterische Herangehensweise, wie sie in entsetzlichen Talkshow-Formaten landauf und landab zur erschreckenden Selbstverständlichkeit geworden ist.
Er ist ein feinfühliger Regisseur, der eine ungeheure Bandbreite an Arbeiten vorzuweisen hat – von genauen und sensiblen Inszenierungen von Klassikern, wie Stücken von Oscar Wilde bis hin zu brachialen und lustvollen dadaistischen Collagen wie Gugging goes Ballhausplatz oder Die 20 Hüte des George W. Bush.
Er hat mit Regielegenden des 20. Jahrhunderts zusammengearbeitet wie Jerome Savary und Jan Grotowski. Er inszenierte Uraufführungen von großartigen Schriftstellern wie Joe Voetter, Peter Matejka und Stephan Eibl. Er hat als Filmschauspieler unter Größen wie Steven Spielberg, Paul Morrissey, Pjer Zalica und vielen anderen gespielt. Als Filmregisseur hat er berührende Dokumentationen wie WONDERFULL 1, 2 und 3 – Urlaub mit Obdachlosen gedreht.
Er hat mit seinen Arbeiten bereits vor dieser Auszeichnung andere bekommen wie den Nestroypreis, den Gustav Gründgens-Preis, die Kainz Medaille, den deutschen Kleinkunstpreis und einen Preis auf den er bezeichnender Weise besonders stolz ist: den 1. Vernadererstein in Gold.
Und damit möchte ich gerne von seiner Arbeit zu seiner Person kommen. Er versteht es, Menschen zusammenzuführen: Alt – Jung – Laien – Professionalisten; er fördert, hilft, inspiriert und unterstützt Menschen. Er mag Menschen.
Er und seine Lebensgefährtin Alexandra haben im 3raum anatomietheater ein kreatives und zutiefst menschliches Bio-top im 3. Bezirk geschaffen. Er ist ein „Sonnenscheinchen“ und ein Optimist in dem Sinne, dass – wenn ein Pessimist sagt: „Tiefer in die Scheiße können wir nicht kommen“ er mit lächelndem Gesicht erwidert – „Doch, doch …“
Ich glaube, dass sich sein gesamtes Umfeld – von seiner umfangreichen und entzückenden Familie bis zu seinen FreundInnen und KollegInnen – zumindest genauso, wenn nicht mehr über diese Ehrung freut wie er. Und es zeugt von einem gesunden Demokratieverständnis der Gemeinde Wien und des Herrn Kulturstadtrats Mailath-Pokorny, auch einen unbequemen und aufmüpfigen Freigeist wie Hubsi Kramar zu ehren!

Hubsi – danke, dass du da bist und dass es dich gibt!
Gratulation!


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Lucy McEvil: Schauspielerin und Diseuse; die Kunstfigur Lucy McEvil, die scheinbar mühelos Geschlechtergrenzen verschwimmen lässt, hat sich einen internationalen Ruf erarbeitet mit Konzerten in Wien, Berlin, Marrakesch, Amsterdam – um nur einige zu nennen. Als Schauspielerin arbeitete sie mit Regisseuren wie Hubsi Kramar, Thomas Gratzer, Martin Gruber u.v.a. im In- und Ausland. Der Kultursender 3sat widmete ihr eine 60minütige Dokumentation unter der Regie von Stephanus Domanig.





Laudatio für Conny Hannes Meyer
Von Dieter Schrage

In dem online-Wikipedia-Text über Conny Hannes Meyer können wir lesen: „Der Höhepunkt 1968 war das Theater am Börseplatz mit Conny Hannes Meyer, das war ganz wesentlich für uns damals, da ist jeder hingegangen“. Diese Zeilen sind von Hubsi Kramar, der heute ebenso wie CHM das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien erhält. Mit Conny Hannes Meyer (geb. 1931) und Hubsi Kramar (geb. 1948) werden zwei Generationen Wiener bzw. Österreichische Theaterkünstler ausgezeichnet. Auch repräsentieren sie sehr verschiedene Formen des engagierten Theaters: Hubsi Kramar eher aktionistisch, anarchistisch, CHM eher links orientiert, aufklärerisch im Sinne des Brecht-Theaters.
Der Theaterleiter, Regisseur, Dramatiker, Lyriker und Darsteller CHM hatte das, was man/frau eine schwere, eine sehr schwere Kindheit und Jugend nennt – vor allem durch die nationalsozialistischen Rassengesetze geprägt. Und so musste er z. B. eine längere Zeit in einem Sammelheim für – in der damaligen schrecklichen NS-Diktion – „rassisch minderwertige Kinder“ verbringen.
Seine Theaterlaufbahn nach 1945 begann CHM mit einem Vorspiel in kleineren Kinderrollen am Stadttheater Salzburg. Auch machte er dann Erfahrungen als Akrobat beim Zirkus während seiner Wanderzeit in den frühen 1950er Jahren. 1955 gründete CHM zusammen mit zwei theaterbegeisterten Kollegen das heute noch bestehende Experiment – Kleine Bühne am Liechtenwerd im 9. Bezirk in der Liechtensteinstraße 132. Das Experiment am Liechtenwerd war ein richtiges Kellertheater – eingerichtet in einem ehemaligen Kohlenkeller.
Prägend für CHM war seine Begegnung mit dem Dramatiker, Theaterregisseur und Theatertheoretiker Bertolt Brecht. 1953 konnte er in dem damals hervorragenden Theater in der Scala – dieses musste dann als eine „kommunistische“ Bühne bald nach 1954 infolge des „Kalten Krieges“ bzw. Antikommunismus trotz höchster Qualität schließen – Brechts offene Probe bei seiner Mutter-Bearbeitung miterleben. Auch später hatte CHM beim Berliner Ensemble noch einmal die Möglichkeit, Einblicke in die Theaterarbeit von Bert Brecht zu nehmen. Brechts Theorie des „Epischen Theaters“ wurde bestimmend für CHMs Theaterarbeit.
Da seine beiden Theaterkollegen im Experiment am Liechtenwerd CHMs Weg eines politisch engagierten, links orientierten Theaters nicht mitgehen wollten, verließ er dieses Ensemble und gründete 1958 Die Komödianten.
In einem Programmheft aus der frühen Komödianten-Zeit um 1960 wird zu der Namensgebung geschrieben, dass der Name Die Komödianten auf die expressive Spielweise der alten Wanderkomödianten hinweisen sollte und dass in der Zeit eines Neo-Biedermeier die bewusste Erneuerung eines echten Komödiantentums theaterpolitisch absolut sinnvoll sei.
In diesem Programmheft wird im Sinne des Epischen Theaters von Bert Brecht auch erklärt: „Die Komödianten setzen sich die Schaffung eines Bewegungstheaters epischer Form zum Ziel (…) Sie identifizieren sich in ihrem Spiel nicht mit den darzustellenden Figuren, sondern versuchen, den größten Abstand von ihren Rollen zu gewinnen, wodurch es ihnen möglich wird, mehr auszusagen, als es die beengende Spieltechnik der Personifizierung zulässt.“ (Anmerkung des Autors: das Spiel der Personifizierung war damals an den großen Wiener Bühnen, vor allem am Burgtheater, allgemein üblich. Hier sind Ewald Balser, Paul Hörbinger, Paula Wessely oder Walter Reyer zu nennen). „Die Komödianten überlegen jeden Vorgang auf der Bühne ganz genau und ‚spielen‘ jeden Schritt, jede Gebärde, überhaupt jeglichen mimischen Ausdruck, als einen notwendigen Kommentar zu einer Situation.“

In meiner Vorlesung im WS 2010/11 an der Universität Wien zum Thema Conny Hannes Meyer und ‚Die Komödianten‘ als Pioniere der Wiener Off-Theaterszene habe ich die Theaterarbeit von CHM in folgende fünf Perioden eingeteilt:

1) Seine Zeit im Experiment am Liechtenwerd von 1955 bis 1958.
2) Die Zeit der Komödianten als Ensemble ohne festen Spielort von 1958 bis 1963.
3) Die Zeit der Komödianten im Theater am Börseplatz von 1963 bis 1974.
4) Die Zeit im Theater im Künstlerhaus von 1974 bis zum Ende 1985.
5) Die Post-Komödianten-Zeit als freier Regisseur und Schriftsteller und
6) vor allem seiner Theaterarbeit im Burgenland.

Anzumerken ist hier, dass bei 26 Premieren (zum Teil, vor allem in der Anfangszeit, waren es oft sog. Nummernprogramme wie Bettler, Bauern und Balladen, später dann richtige Dramen) CHM der Autor war. Direkt danach folgte Bert Brecht mit 25 Neueinstudierungen.
Während der 2. Periode 1960 war ich nach Wien gekommen und habe sehr bald Die Komödianten und auch CHM persönlich kennen gelernt. Ich war damals als Brecht-Fan aus Bochum nach Wien gekommen und empört über den im Lichte des Kalten Krieges in Wien herrschenden Brecht-Boykott. Und es war für mich eines der besonderen kulturpolitischen Verdienste von CHM, dass er und sein Ensemble sich diesem von dem im CIA-Dienst stehenden Hans Weigel (Kronen-Zeitung) und Friedrich Thorberg (Forum) getragenen Brecht-Boykott widersetzte. Kurt Palm würdigt in seinem Buch Vom Boykott zur Anerkennung. Brecht und Österreich die konsequente Vorreiterrolle der Komödianten im Kampf gegen den Brecht-Boykott.
In der 3. Periode am Börseplatz hatten die Komödianten – wie es damals bei den Kellertheatern meist der Fall war – zunächst ein Theater für 49 Personen. Dieses wurde dann auf 100 Plätze erweitert. Doch auch das war zu klein, denn CHM und seinen Komödianten (ich betone seine Komödianten) war es gelungen, sich ein treues Stammpublikum, bestehend aus StudentInnen, Künstlern und Künstlerinnen, Intellektuellen und politisch Interessierten aufzubauen.
Und so übersiedelte CHM mit seinem so erfolgreichen Ensemble 1974 in das für die Komödianten adaptierte Theater im Künstlerhaus. CHM wurde nun Direktor einer Mittelbühne, was eine Reihe von neuen, schwierigen Aufgaben und auch Problemen mit sich brachte. Diese waren sehr komplex und ich kann in Anbetracht der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht auf diese Probleme eingehen. Aus Zeitgründen kann ich vor allem auch nicht auf die sehr komplexe (von widersprüchlichen Positionen besetzte) Frage des Abdrehens der Komödianten 1985 im Theater im Künstlerhaus eingehen
Anmerken möchte ich hier nur, dass ein SchauspielerInnen-Ensemble, das in den früheren Jahren kaum lebensdeckende Gagen erhalten hatte und eher als eine – wie man/frau in Wien sagt – „zammg‘heizte Gruppn“ anzusehen war, nun eine Mittelbühne von Schauspielern und Schauspielerinnen geworden war, die Anspruch auf einen kollektivvertragsgerechten Jahresvertrag hatten. Und dem Theaterdirektor CHM stand nun ein gewählter Betriebsrat gegenüber – wobei es zeitweise nicht gerade erleichternd war, dass Helga Illich, die Frau von CHM nach Ilse Scheer, diese Funktion als Betriebsrätin innehatte.
Also insgesamt war diese Zeit im Künstlerhaus-Theater neben großen Aufführungserfolgen wie z. B. Des Kaisers treue Jakobiner von CHM und Otto Lakmaier auch eine Zeit voller interner und externer Probleme – z. B. auch in Bezug auf den jetzt notwendig gewordenen, eher als autoritär zu bezeichnenden Stil der Ensembleführung von CHM.
Walter Schlögel hat in seiner zweibändigen CHM-Dissertation aus dem Jahr 1994, der er bewusst den Titel Conny Hannes Meyer und seine Komödianten gegeben hatte, hierzu geschrieben: Es „muss gesagt werden, dass CHM wahrscheinlich prinzipiell recht hatte, man kann eine Mittelklassebühne mit ca. 50 Angestellten nicht führen wie eine Kellerbühne mit nur 10 Mitwirkenden. Es kann nur einer die Richtung bestimmen, die ein Theater einschlagen soll, auch um den Preis, dass er autoritär handeln muss. CHM hat sein Theater von den frühesten Anfängen an konsequent in seine Richtung geführt und hat alle Abweichungen von diesem Weg verhindert. Nur so ist sein Theater zu dem Namen gekommen, den es heute noch in der Erinnerung seines Publikums hat.“
Und vielleicht müssen wir sagen – obwohl ich gerne hier über Alternativen nachdenken würde – nur so ist es dazu gekommen, dass er heute hier diese hohe Auszeichnung bekommt.

Abschließend möchte ich noch anmerken: Eigentlich hätte CHM diesen Orden schon Ende der 1960er Jahre verdient. Sie können sich heute absolut nicht mehr vorstellen, was es damals im Zeichen des Antikommunismus und des „Kalten Krieg“ hieß, ein politisch engagiertes, im Sinne von Bert Brecht aufklärerisches „freies“ Theater zu führen.


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Dieter Schrage: geb. 1935 in Hagen i. W.; Kulturwissenschafter, Lektor an der Universität Wien, WS 2010/11 Vorlesung über Conny Hannes Meyer
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