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gift 03 / 2011
Mission: Possible Vom 20.-29. Mai fand in Malmö und Kopenhagen der Weltkongress der ASSITEJ1 statt.

Von Kolja Burgschuld

Building Bridges, Crossing Borders
war das diesjährige Motto des 17. ASSITEJ Weltkongresses, der nach Seoul (Korea), Montreal (Kanada) und Adelaide (Australien) dieses Jahr in Dänemark und Schweden stattfand. Dass man bei diesem idealistisch hochgesteckten Motto teilweise tatsächlich (und ganz profan) viel Zeit mit dem Überqueren der Grenzen und Brücken verbringen musste (Malmö und Kopenhagen werden durch eine mehrere Kilometer lange Brücke verbunden und der Kongress fand auf beiden Seiten parallel statt), sei nur am Rande bemerkt.
In den zehn Tagen des Kongresses und vor allem in den vier Tagen der General Assembly wurden wichtige Weichen für eine Zukunft gestellt, in der weiterhin – denn das zeichnet die ASSITEJ seit ihrem Bestehen 1965 aus – allerlei Grenzen übertreten und Mauern eingerissen werden, in der sich die Szene der darstellenden Kunst für junges Publikum weltweit vernetzen und an gemeinsamen Visionen arbeiten kann. Aber der Reihe nach ...



Entscheidungen in der General Assembly

Über 50 der rund 80 Mitgliedsstaaten kamen dieses Jahr in der Generalversammlung zusammen, um über eine neue Verfassung abzustimmen, die in den vergangenen Jahren vom Executive Committee (dem mit Stephan Rabl vom DSCHUNGEL WIEN auch ein österreichischer Vertreter angehörte) ausgearbeitet und nun den Mitgliedern zur Ratifizierung vorgelegt wurde. Die Erweiterung des potentiellen Mitgliederkreises wurde entschieden, was zeigt, wie eine internationale Organisation zum einen die Vorzeichen einer sich rapide verändernden Welt aufnimmt und die richtigen, weil weltoffenen Schlüsse daraus zieht: Seit ihrer Gründung 1965 als Verband nationaler Entitäten verstanden, ist es nun zum einen auch internationalen Netzwerken möglich, selbstständiges Mitglied der ASSITEJ zu werden. Zum anderen können auch einzelne Theater direktes Mitglied der ASSITEJ werden, wenn in ihrem Land kein nationaler Verband besteht. Während ersteres in einer Welt, in der territoriale Grenzen immer weniger Gewicht haben (auch wenn man deshalb – auch in Anbetracht anderer neu entstehender Grenzen – noch lange nicht von einer grenzenlosen Welt sprechen kann), vielleicht nur einen logischen Schluss darstellt, so bedeutet vor allem letzteres für viele Theater und ProduzentInnen aus strukturschwachen und/oder von Krieg und Separation gezeichneten Regionen eine Möglichkeit, an diesem internationalen Netzwerk teilzunehmen.
Ein anderes Vorhaben, nämlich auch Regionen, die nur teilweise als souveräne Staaten anerkannt sind, die Möglichkeit zu bieten, ASSITEJ-Mitglied zu werden, wurde genau von den Staaten abgelehnt, die es betreffen würde. Diana Krzanic Tepavac, Vertreterin der ASSITEJ Serbien, sprach sich gegen diese Änderung aus: Die bereits existierenden Kooperationen mit Theatern im Kosovo würden nicht einfacher, sondern seien ganz im Gegenteil deutlich schwieriger umzusetzen, vermutete sie, wenn Theater im Kosovo das offizielle Siegel eines im Rahmen der ASSITEJ unabhängigen Staates bekämen. Ganz ähnlich äußerten sich auch die spanischen VertreterInnen in Bezug auf das Baskenland.


Theater zwischen Erziehung und ästhetischer Bildung

Rund um diese wegweisenden Entscheidungen für eine Öffnung der ASSITEJ, für die Stellungnahme, auch weiterhin eine Organisation sein zu wollen, die verbindet, Grenzen überwindet und sich um die „Schwächeren“ in ihrem Kreis kümmert und die nicht zuletzt künstlerisch denkt, wurde selbstverständlich noch viel mehr geboten. Ganz nebenbei wurde ein Exempel statuierte, wie man genau diese Ideale umsetzen kann:
Auf dem internationalen Festival wurden zehn Tage lang Produktionen aus der ganzen Welt (darunter auch Länder wie Iran, China und Sambia) gezeigt, die eine Vielfalt an Inhalten, Ästhetiken, Traditionen und Schwerpunkten erkennen ließen. In den zahlreichen Angeboten um das Festival herum mit Workshops, Dialogen und Panels, die auf vielfältige Weise den status quo, die Weiterentwicklung und ästhetischen Strategien der darstellenden Kunst für junges Publikum zur Debatte stellten, bot sich darüber hinaus die Möglichkeit, in den künstlerischen und theoretischen Dialog zu treten und sich auszutauschen. Dieser Dialog mit ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf, gesellschaftlichen Anforderungen an und praktischen Notwendigkeiten für das Theater war mitunter spannend und voller Enthusiasmus – so in Future ASSITEJ – Open Space for Ideas, wo intensiv das moderne Jugendtheater zwischen Didaktik und Ästhetik ausgelotet wurde – und schockierend zugleich: z. B. im ASSITEJ Forum Theatre and Development unter der Leitung von Yvette Hardy (Südafrika), die auf diesem Kongress zur neuen Präsidentin der ASSITEJ gewählt wurde.
Während sich in Österreich KünstlerInnen im Bereich des Theaters und Tanzes für Kinder und Jugendliche klar von einer erzieherischen Didaktik lossagen und das künstlerische Potential und damit höchstens – wenn der Begriff hier überhaupt strapaziert werden muss – die ästhetische „Bildung“ in den Vordergrund gestellt wird, so holen den ZuhörerInnen die Schilderungen des sambischen ASSITEJ-Vertreters jäh auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn er erzählt, wie eine sambische Theatergruppe von der UN in ein Flüchtlingslager geholt wird, um dort mithilfe einer theatralen Aufführung (eines eigens für diese „Problemstellung“ entwickelten Stücks) die Flüchtlinge von der Benutzung der zur Verfügung gestellten Latrinen zu überzeugen, die diese aus bis dahin unersichtlichen Gründen gemieden haben, was im Lager zum Ausbruch der Cholera führte. Erst später kam heraus, dass die Rebellen in den Heimatdörfern der Flüchtlinge die Eingänge zu den öffentlichen Toiletten vermint hatten. Das praktische „Lehrtheater“ (im übrigen in diesem Fall für Kinder und Erwachsene gleichermaßen) hat hier als Kriseninterventionsteam ganz konkrete Aufgaben des realen Lebens zu lösen und Probleme zu bewältigen.
In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch noch im Jahre 2011 (!) das Theater und nicht zuletzt das Theater für junges Publikum. Im Angesicht dieses Berichts mag der Beitrag eines Netzwerkes wie der ASSITEJ mitunter lächerlich erscheinen, aber nicht nur für die betroffenen Länder und Bevölkerungen, auch für Europa (und die anderen well-off Länder und Kontinente) ist der Austausch, den die ASSITEJ ermöglicht, essentiell. Nur so kann man in einem globalen Umfeld denken, sich gegenseitig wahrnehmen und auf Augenhöhe künstlerisch begegnen. Dazu war der 17. ASSITEJ Weltkongress ein weiterer Schritt.


Welcome to Austria!

Und es werden weitere folgen: 2014 trifft sich die ASSITEJ zum nächsten Weltkongress in Polen. Angestrebt u. a. auch durch Stephan Rabl und die ASSITEJ Austria, wird es in Zukunft mehr internationale Meetings im Bereich der darstellenden Kunst für junges Publikum geben, damit man sich öfter als im bisherigen Dreijahresrhythmus treffen und begegnen kann. Eines davon findet 2012 in Okinawa, Japan und eines – und das ist eine der Errungenschaften der diesjährigen österreichischen Delegation – 2013 in Österreich statt! Beim nächsten SCHÄXPIR-Festival 2013 in Linz werden sich bei einem neu ins Leben gerufenen ASSITEJ International Meeting KünstlerInnen aus der ganzen Welt treffen, diskutieren, ihre Arbeiten zeigen und gemeinsam neue Wege gehen!

Internationalität und Vielfalt zeichnet die österreichische Szene der darstellenden Kunst für junges Publikum seit langem aus (nicht zuletzt, weil Österreich in diesem Bereich die größte Festivaldichte der Welt besitzt): Auch auf dem Weltkongress präsentierte sich deshalb die österreichische Delegation auf einem eigenen Empfang in Malmö, zu dem gemeinsam mit dem internationalen Theaterfestival SCHÄXPIR geladen und auf dem unter anderen auch der brandneue ASSITEJ-Katalog vorgestellt wurde, der die Szene des ASSITEJ-Netzwerks in Österreich vorstellt. Nach der Feier – die ganz nebenbei als eine der besten des Festivals galt – ging es dann übrigens wieder zurück, den nächtlichen Weg über die Brücke nach Kopenhagen: „crossing bridges, crossing borders“.

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Kolja Burgschuld: geb. 1985 in Düsseldorf, Deutschland. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien. Seit 2010 arbeitet er als Büroleiter, seit Anfang 2011 als Geschäftsführer für die ASSITEJ Austria. Auf dem 17. Weltkongress der ASSITEJ war Kolja Burgschuld einer der drei Delegierten aus Österreich. Darüber hinaus arbeitet er seit 2005 als Theater- und Filmregisseur, inszeniert gemeinsam mit Kai Krösche unter dem Namen DARUM. Zurzeit arbeitet er an dem Kurzfilm Blearch! und der Umsetzung eines Stückes von Holger Schober.

1 Die ASSITEJ (Association Internationale du Théâtre pour L’Enfance et la Jeunesse) wurde 1965 in Paris gegründet und bildet einen Dachverband, welcher sich weltweit für die Förderung des professionellen Theaters für Kinder und Jugendliche einsetzt und mit seinen nationalen Zentren in rund 80 Nationen auf allen Kontinenten vertreten ist. In Österreich bildet die ASSITEJ Austria als nationales Zentrum diese Schnittstelle.

Weitere Infos:
www.assitej-international.com
www.assitej.at
www.schaexpir.at
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