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gift 03 / 2011
Rote Nasen in Palästina ... Rote Nasen Clowndoctors International, die Dachorganisation der Rote Nasen in acht Ländern, versucht mit einer Vielzahl von Projekten, die Clownarbeit in medizinischen Einrichtungen in aller Welt zu fördern. Seit Anfang 2011 arbeitet Rote Nasen Clowndoctors International an einem ganz besonderen Projekt, das bereits im Jahre 2005 begann:
Das INAD Center for Theater and Arts in Beit Jala (Palästinensische Autonomiegebiete) wollte schon damals unter dem Programmtitel Dr. Clown KünstlerInnen ausbilden, um Kindern Lachen und Lebensfreude ans Krankenbett zu bringen. Denn auch in den Palästinensischen Autonomiegebieten werden gut geschulte ClowndoktorInnen dringend gebraucht. Die medizinische Versorgung ist vielerorts noch nicht ausreichend. Darüber hinaus sind die Kinder oft ganz alleine in den Krankenhäusern, da ihre Familien sie nicht besuchen können.
Bereits 2005 fanden erste Auditions und Workshops für das Programm unter der Schirmherrschaft von Rote Nasen Clowndoctors International statt. Leider zwang die damalige schwierige politische und finanzielle Situation, dieses Projekt vorübergehend auf Eis zu legen. Doch letztes Jahr konnte Rote Nasen International mit der Hilfe der EU und des OPEC Fund for International Development endlich die wichtigen finanziellen Ressourcen sichern, um das Projekt wieder aufzunehmen. So reisten von 8. bis 22. Februar 2011 Gary Edwards (künstlerischer Leiter von Rote Nasen in CZ und SK) und Martin Kotal (stv. künstlerischer Leiter Österreich) nach Beit Jala, um in einer erneuten sehr intensiven Audition zehn junge KünstlerInnen für eine weitere Zusammenarbeit auszuwählen. Diese wurden von 25. Mai bis 8. Juni 2011 nach Wien eingeladen um in weiteren Workshops im Rote Nasen Trainingszentrum ihre clownesken und musikalischen Fertigkeiten zu vertiefen. Für weitere Einblicke in die Praxis und zum Erfahrungsaustausch fanden Besuche in Spitälern in Österreich, Tschechien und der Slowakei statt. Ihre ersten Einsätze werden die neuen „Dr. Clowns“ im Caritas Baby Hospital und im Al Hussein Government Hospital in Beit Jala haben.

Martin Kotal hat für die gift seine Eindrücke und Erfahrungen, die er auf dieser Reise nach Palästina sammeln konnte, im nachfolgenden Bericht dokumentiert:



... eine abenteuerliche Reise

Von Martin Kotal


Gemeinsam mit meinem Kollegen, Gary Edwards reiste ich im Februar 2011 für die Roten Nasen Österreich nach Beit Jala, um die BewerberInnen des Dr. Clown Projects zu treffen. Unsere Aufgabe war es, aus den 24 BewerberInnen zehn auszusuchen und diesen in zehn Tagen eine erste Ausbildung zum Krankenhausclown zukommen zu lassen.
Wir sind bei dieser Reise und diesem Besuch sehr neugierig. Einerseits auf das Land und die Menschen, auf deren Mentalität, andererseits auf unsere Arbeit, auf das Clownsein in einer so anderen Kultur. Wird das, was wir mitbringen auch das sein, was die Menschen dort wollen und brauchen, ist es zu sehr von unserem westlichen Kulturverständnis geprägt? Ist Clownsein, Lachen, wirklich so grenzenlos wie ihm sein Ruf vorauseilt?
Schon am Flughafen in Wien ahnen wir, dass eine abenteuerliche Reise begonnen hat. Das Einchecken bei El Al, der israelischen Airline, ist ungewohnt genau, eher ein Verhör; und ein Reiseziel jenseits der israelischen Grenzen trägt nicht gerade zum vertrauensvollen Umgang bei. Wir sagen die Wahrheit über unsere Absichten, erzählen aber nicht immer die ganze Wahrheit, um unserem Ziel schneller näher zu kommen: Dass wir mit Clowns arbeiten wollen (wenn auch mit palästinensischen), dass wir in Jerusalem nächtigen (wenn auch nur für eine Nacht), dass wir die Dreamdoctors aus Israel kennen (wenn wir sie diesmal auch nicht treffen) und so weiter.
Kaum aus Österreich draußen wird es dann wesentlich leichter und entspannter. Wir kommen tief in der Nacht in Tel Aviv an und hoffen, dass unser Fahrer auch wirklich kommt. Um zwei Uhr nachts zwischen Tel Aviv und Jerusalem herumzuhängen wäre aufgrund fehlender Orts- und Sprachkenntnisse wenig erfreulich. Mit nur einer halben Stunde Verspätung kommt er dann auch, rast dafür umso schneller mit uns durch das dunkle Land, durch Jerusalem, und schließlich zum Militärstützpunkt und Grenzcheckpoint. Eine junge Soldatin hat die Macht über ein gewaltiges Eisentor und Dank der guten Beziehungen unseres Fahrers und der passenden Autolizenzen für Israel und Palästina kommen wir unkontrolliert nach Beit Jala.
Den ersten Tag in Beit Jala haben wir uns zur Orientierung freigehalten. Wir kontaktieren Samia, die Managerin, Organisatorin und Geschäftsführerin der Dr. Clowns. An diesem Tag lernen wir viel über die orientalische Mentalität. Andere Zeitbegriffe herrschen hier vor. „In zehn Minuten“ kann auch ein bis zwei Stunden dauern. Wenn man sich für 10 Uhr verabredet, begibt man sich um 10.30 zum Treffpunkt, um dann gegen 11 Uhr oder auch 11.30 loszulegen. Das ist auch kein Problem, da es ja für alle – mit Ausnahme der beiden ausländischen Lehrer – selbstverständlich ist.
Wir treffen eine erste Delegation jordanischer Clowns und sitzen zusammen, um Tee zu trinken, die Ud, das arabische Saiteninstrument, kennenzulernen und erfreuen uns der erfrischenden Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Leute.
Für das Projekt bewerben sich insgesamt fünf jordanische und 19 palästinensische Clowns. Das Ziel ist, sechs Clowns aus Palästina und vier aus Jordanien auszuwählen und auszubilden. Diese werden dann nach Europa, also Wien, Prag und Bratislava eingeladen, um hier unsere Arbeit kennenzulernen und weitere Workshops zu besuchen.
Am ersten gemeinsamen Arbeitstag haben wir einiges zu klären. Wir wollen bestätigt wissen, dass alle BewerberInnen diese Clownarbeit im Krankenhaus tatsächlich machen wollen bzw. können und alle die Reise nach Europa und die weitere Ausbildung antreten können. Durch diese erste Fragerunde fallen schon die ersten BewerberInnen aus. Uns ist es immer wieder ein Anliegen, die Seriosität und Professionalität unserer Arbeit zu betonen und unter Beweis zu stellen. So können wir auch neue und ungewohnte Arbeitsweisen einfordern. Wir legen Wert auf Pünktlichkeit und eine klare Verbindlichkeit. Wir fordern eine hohe Konzentration bei der Arbeit, da diese schnell und gerne in allgemeine Spielfreude und Feiertagsstimmung abgleitet.
Mit der Zeit lernen wir unsere GastgeberInnen immer besser kennen und bewundern diese für ihre Spontanität und Offenheit. In unserer Arbeit bemerken wir viele Unterschiede zu unserem Status des Clownspiels. Sie haben zwar weniger Grundkenntnisse von Bühnenregeln oder Gesetzmäßigkeiten der Komik, aber dafür eine enorme Begeisterungsfähigkeit. In jeder Pause wird musiziert, gesungen, gefeiert. Diese jungen BewerberInnen leben so stark im Moment, genießen das hier und jetzt. Manchmal ist es schwer für uns auf die Bedeutung der Zeit für das Clownspiel hinzuweisen. Der Clown hat seine Geschichte, er beherrscht die Zeit oder verdreht die Regeln der Zeit. Das ist ungewohnt für Menschen, die so im Moment leben.
Aber wir finden auch jede Menge Bestätigung! Schon in den ersten Tagen probieren wir unsere Art des Clownspiels einfach aus. Zeigen Szenen, improvisieren kurze Sequenzen um zu erklären, aufzuzeigen. Das ist gleichzeitig die Probe aufs Exempel. Funktioniert unser Verständnis von Clownspiel hier? Kann ein Clownpaar die PatientInnen, die Kinder genauso erreichen, berühren, verzaubern, zum Lachen bringen? Und erleichtert stellen wir fest: Ja! Es funktioniert. Wenn Gary und ich kurze Szenen anspielen, er den dummen August gibt und ich ihn wie gewohnt zurechtweise, dann wird gelacht was das Zeug hält. Diese archaischen Beziehungsmuster sind überall bekannt und deshalb überall lustig.
Gestärkt mit diesen Erkenntnissen stürzen wir uns in die nächsten Tage der Arbeit und langsam kristallisiert sich eine Kerngruppe heraus. Eine Hand voll Leute, die mehr geben, mehr riskieren und ausprobieren. Ein paar, die verstehen wollen oder verstanden haben. Ein paar, die selber auf der Bühne erfahren was es heißt, auf der Welle zu surfen. Die selbst eine Clownfigur gefunden haben, die funktioniert. Eine Figur, die einfach nur da sein muss, ehrlich und offen, und das Publikum lacht und liebt diesen Clown. Das sind die besonderen Momente.
Wir arbeiten hart und intensiv. Wir arbeiten daran, nichts zu tun, nichts vorzugeben, nichts zu wollen. Nicht zu spielen, nur zu sein. Das ist ungewohnt und neu. Unsere Clowns arbeiten jahrelang, ja ein Leben lang daran. Und wir haben nur zehn Tage. Nach fünf Tagen verabschieden wir uns von den ersten acht BewerberInnen. Wir brauchen die Zeit und den Platz für die restlichen Leute.
In Beit Jala ist Winter. Das heißt, es hat zwischen 10 und 15 Grad plus. Der Arbeitsraum ist ein schönes altes Steingebäude, mit Steinboden. Unbeheizt. Heizungen gibt es hier nicht. Entsprechend kalt ist es während der Arbeit und entsprechend erkältet und verschnupft sind wir alle nach den ersten fünf Tagen. Wir arbeiten täglich mindestens sechs Stunden. In den Pausen, vor und nach der Arbeit, wird gesungen, getrommelt, werden Tricks einstudiert und Kostüme gesucht. Wir essen gemeinsam, alles wird von Samia hervorragend organisiert. Abends geht man gemeinsam Shisha rauchen, essen, trinken (kein Alkohol!) und viel tanzen und singen.
In Beit Jala leben auch sehr viele Christen. Moscheen und Kirchen wechseln sich ab, Kirchenglocken mischen sich in den Ruf des Muezzins, Autos hupen unentwegt, die Straßen leben. Es ist ein schönes und friedliches Miteinander. Die Mauer und der Blick nach Jerusalem ist allgegenwärtig wie auch das Wissen um die Überwachung an den großen Einfahrtsstraßen durch die Israelis. Gelegentlich wird das erwähnt, seltener gejammert.
Am sechsten Tag machen wir Pause und Gary und ich gönnen uns einen Trip Richtung Jericho ans Tote Meer. Wir mieten ein Auto und merken schnell, wie abenteuerlich die Fahrweise hier ist. Irgendwann fahre ich – so wie alle anderen – einfach drauf los, egal ob andere Autos da sind oder nicht. Bremsen ist feig, stattdessen wird gehupt. Italienischer Verkehr ist ein Kindergarten dagegen.
Wir fahren in die bergige Wüste, schlagartig wird es warm. Siedlungen der Israelis. Überall im Niemandsland. Die Frage nach dem Warum drängt sich immer wieder auf. Warum hier? Am Toten Meer kaufen wir zwei Badehosen und stürzen uns in den Schlamm und ins Salz. Faszinierend auf dem Wasser zu treiben, drinnen zu sitzen und zu entspannen. Auch faszinierend, dass eine Dreiviertel-Autostunde entfernt Winter ist. Wir reiten auf einem Kamel und fahren durch einen Sandsturm zurück. Es ist toll, das Land auch von dieser Seite kennenzulernen.
Zurück in Beit Jala wird wieder gearbeitet. Die jungen Leute sind uns alle sehr ans Herz gewachsen, sie arbeiten hart, versuchen diese absolut unbekannte Welt zu verstehen. Die neuen Eindrücke und Erfahrungen werden förmlich aufgesaugt. Wir sehen, dass es noch viel Arbeit und Zeit braucht, bevor wir im Krankenhaus arbeiten können. Es ist schon viel passiert, aber es braucht noch Praxis und Übung, um das auch wirklich anzuwenden. Wir freuen uns darauf weiterzumachen, wenn die Gruppe nach Europa kommt. Wir wollen diesen Prozess weiter begleiten. Wollen nach dem Europabesuch unbedingt noch einmal vor Ort mit den Leuten arbeiten, sie direkt und gezielt auf das Krankenhaus vorbereiten, sie bei den ersten Schritten begleiten.
In den ersten zehn Tagen waren wir ganz und gar mit Basisarbeit beschäftigt. Das war die Grundlage, jetzt können wir aufbauen. Viel diplomatisches Geschick ist gefragt, die richtigen Kostüme müssen ausgewählt, alte Kostüme und Etabliertes teilweise verabschiedet werden. Es ist zu konträr zu unserer Arbeitsweise. Die Roten Nasen stehen und bürgen für eine bestimmte Qualität der Begegnung in der Clownarbeit. Auch das war und ist Inhalt unserer Arbeit mit den Dr. Clowns und wir sehen, dass das von den palästinensischen KollegInnen geschätzt und gewollt wird.
Am Ende kommt die Stunde der Wahrheit und wir müssen den verbliebenen 16 Personen mitteilen, welche zehn das Programm in Palästina fortführen können. Sie wissen, dass diese Entscheidung nötig ist, weil die Zahl der Leute, die weitermachen können, aufgrund der Finanzierung vorgegeben ist. Wir sagen jeder einzelnen Person, ob sie dabei ist und warum. Wir schauen, dass so viele Frauen wie möglich in dem Projekt sind. Leider gibt es weniger Bewerberinnen als Bewerber. Den Aufnahmeschlüssel haben wir leicht verändert. Wir nehmen drei JordanierInnen und sieben PalästinenserInnen. Unter den zehn neuen Clowns sind vier Frauen. Manche haben sogar die Möglichkeit in Jerusalem zu arbeiten, da sie dort wohnen. Die meisten der palästinensischen KollegInnen waren noch nie in Jerusalem oder am Meer, weil sie keine Lizenz haben, um dort hin zu kommen. Dafür erwarten wir sie jetzt in Europa, sie werden Eindrücke sammeln, neue FreundInnen kennenlernen und von den anderen Kulturen profitieren, so wie wir. Und sie werden als Clowns im Krankenhaus arbeiten und viel Freude verbreiten.
Ein großer Dank an unsere wunderbaren KollegInnen in Palästina für die Gastfreundschaft, die Offenheit, das Vertrauen! Es war eine ganz besondere Zeit!


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Martin Kotal: geb. 1968 in Wien, Schauspielausbildung in Stuttgart, Tessin und Hamburg; seit 1998 bei den Roten Nasen Clowndoctors; 2008 Gründungsmitglied des ersten Clowntheaters in Wien, Theater Olé. Seit 2009 stellvertretender künstl. Leiter bei den Roten Nasen Clowndoctors.
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