theaterspielplan.at
Kontakt
 
deutsch
English information
Information française
gift 03 / 2011
In Memoriam Evelyn Fuchs Ein Porträt von Andreas Hutter


Ich habe Evelyn Fuchs 2004 kennen gelernt. Ich war damals auf der Suche nach einer Schauspielerin, die etwas Unmögliches mit mir wagen würde. Elfriede Jelineks Bambiland als Monolog, zum ersten Mal in einer nahezu ungestrichenen Textfassung. Völlig allein in einem leuchtend weißen Raum, ohne Partner, Requisiten oder sonst etwas zum Festhalten. Das musste jemand sein, der in der Lage ist, dem nicht mehr auffindbaren „Ich“ in diesem verfremdeten Sprachraum ein Bühnen-Ich zur Verfügung zu stellen, und das nicht nur inhaltlich. Skizziert war eine Figur, an der ganz konkret die Energieflüsse einer Mikrophysik der Macht erfahrbar werden könnten, und dafür galt es, sprachliche und körperliche Entsprechungen zu finden. Abgesehen von dem Unding an Aufgabe, diesen Text zu lernen und zweieinhalb Stunden ungebrochene Bühnenpräsenz zu entfalten.

Evelyn konnte das alles. Ich habe nie zuvor jemanden auf so faszinierende Art die distanzierte Spielweise eines Brechtschen Theaters mit der Transparenz echten eigenen Erlebens im Augenblick in Verbindung bringen sehen. Energie und Transformation – das waren Schlüsselbegriffe ihrer Arbeit.
Dieses Verständnis von Sprache, Text, Verkörperung und kritischer Auseinandersetzung war auch Basis ihrer Arbeit als Regisseurin. Sie wusste, dass unser biologischer Körper das Material ist, in dem sich unser Leben ausdrückt, es spricht durch unseren Körper, durch seine Gesten, seine Schönheit, seine Veränderung, seine Gewohnheiten und seine Krankheiten. Und sie wusste, dass die Vielzahl von Leibern – der soziologische Körper – die Sprache ist, in der sich Politik manifestiert: Gesellschafts- und Herrschaftsformen drücken sich in der Sprache des Paares, der Familie, der Menge, der Masse aus, in ihrer Unterbringung, ihrer Distribution, ihrer Produktivität, in ihren Begegnungen und ihren Bewegungen. Und so war Inszenieren für sie ein Schreiben von Text auf mehreren Ebenen, ein Schreiben mit Körpern im Raum, ein Schreiben von Stimmen, Bildern, Figuren und Räumen. Und wissend, dass das Schreiben vom Körper kommt, gab ihre Art zu arbeiten die Texte den Stimmen und Körpern zurück, so dass sie, wenn sie von sich selbst erzählten, damit gleichzeitig immer auch von Gesellschaft erzählten, wenn sie von Obsession, Emotion und Schicksal erzählten, immer auch von Repression, Manipulation und Geschichte.

Work comes out of work. Bis zuletzt durfte ich mit Evelyn Fuchs arbeiten. Ich habe unendlich viel dabei gelernt. Und ich durfte einen Denkraum mit ihr teilen, der sich immer weiter entwickelt hat. Jeder ist ersetzbar, das wird oft gesagt. Das mag hin und wieder zutreffen. In diesem Fall ist es nicht so.


______________________________________
Andreas Hutter: Magister der Theater- und Musikwissenschaft an der Uni Wien, seit 20 Jahren Regisseur, Dramaturg, Szenograph und Kostümbildner, zuletzt mit seiner Plattform SPACES vermehrt im Bereich Performance/Rauminstallation tätig.
[e]
© 2008 IG Freie Theaterarbeit · Impressum