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gift 02 / 2011
Die Öffentlichkeitsarbeit des Carpa Theaters Das Carpa Theater hat im Lauf von vielen Jahren eine eigene Sprache der Ensemble-Improvisation entwickelt. Im Lauf eines Jahres betreibt es neuerdings „Öffentlichkeitsarbeit“ der anderen Art.

Von Gerda Schorsch und Helmut Neundlinger

„Interessant! Unappetitlich irgendwie, aber trotzdem interessant“, kommentierte eine Passantin unlängst eine Aktion des Carpa Theaters im Rahmen des seit Herbst 2010 laufenden Projektes Öffentlichkeitsarbeit. Ein- bis zweimal in der Woche „besetzen“ wir temporär bestimmte Plätze im öffentlichen Raum. Wir eignen sie uns an, verändern sie mittels performativer Interventionen und entreißen sie dadurch ihrer herkömmlichen, vorgeschriebenen Bestimmung. Dabei geht es jedoch nicht nur um eine Veränderung im „Außen“, sondern mindestens ebenso um einen reflexiven Blick nach innen – um die Seelenlandschaften, die während der Performance in uns selbst entstehen und die wir nach außen projizieren. Ein ganzes Jahr lang wollen wir diese Form der „Öffentlichkeitsarbeit“ praktizieren und per Video dokumentieren. Die Aufnahmen werden sukzessive bearbeitet und zu einer Clipserie in der Art eines Videotagebuchs weiterverarbeitet. Wöchentlich kommt ein Video dazu. Alle sind unter www.carpatheater.org abrufbar.
Bisher bespielten wir U-Bahnstationen (Wien Mitte, Schottentor, Margaretengürtel) und den Wiener Westbahnhof. Zweimal wurden wir dabei schon des Platzes verwiesen. Bislang haben wir nirgendwo eine Erlaubnis eingeholt. Den öffentlichen Ort zu nutzen, etwas zu machen, was dort „normalerweise“ nie geschieht, sich die Freiheit zu nehmen, ist uns wichtiger. Von Beobachteten werden wir zudem oft zu BeobachterInnen – indem wir selbst auf Eigenheiten von „normalen“ NutzerInnen des öffentlichen Raumes aufmerksam werden, die wir in den Abläufen des Alltags nicht bemerken würden.
Über unser konkretes Projekt hinaus bahnen sich bereits Kooperationen an. Das im 8. Bezirk beheimatete Kurzfilmfestival espressofilm möchte Videos von uns im Sommer zeigen und wünscht sich von uns Öffentlichkeitsarbeit in der Josefstadt.
Unser neuestes Projekt ist die Fortsetzung einer Serie von Arbeiten des Carpa Theaters, die sich mit der temporären Aneignung öffentlicher bzw. theatraler Räume auseinander setzen. Basis all dieser Arbeiten ist das kontinuierliche, zweimal wöchentlich stattfindende Proben und Trainieren.
Ursprünglich als Theatergruppe 1989 gegründet, arbeiten wir seit 1997 im Rahmen eines Improvisationslabors an der Entwicklung eines eigenen Stils an Ensembleimprovisationen. Wir erhalten dafür keinerlei Subventionen. Einige von uns arbeiten außerhalb der Gruppe professionell im Bereich Tanz/Theater/Performance, andere wiederum verdienen ihr Brot mit Unterrichten, Körperarbeit oder Consulting. Diese Mischung enthält einen reichen Schatz an unterschiedlichsten Erfahrungen, der die gemeinsame Arbeit trägt und prägt.
Manchmal existieren schon zu Beginn klare Bilder und Visionen, manchmal entwickeln sich unsere Projekte erst im Lauf der Zeit aus einem gemeinsamen Suchen oder aufgrund von Impulsen, die von außen kommen. 2003 etwa bekamen wir die Möglichkeit, in einem Antiquariat im 4. Bezirk mit zwei großen Schaufenstern etwas auszuprobieren. Daraus entstand unser Projekt Im Schaufenster / Espacios del Deseo, das wir in den folgenden Jahren in Lokal- und Galerienauslagen im 2., im 7. und im 16. Bezirk zeigen konnten. 2008 wurden wir zu einer Schaufenster-Performance im Rahmen des Schaurausch-Festivals im Vorprogramm des Kulturhauptstadtjahres nach Linz eingeladen. Im September/Oktober 2010 folgten wir einer Einladung in den Norden Mexikos, wo wir unser Projekt mit dort aktiven TänzerInnen und SchauspielerInnen erarbeiteten und eine Tournee durch verschiedene mexikanische Städte (Mexicali, Tijuana, Ensenada, Tecate, Rosarito) unternahmen.
Beim Schaufenster-Projekt interessiert uns das Arbeiten mit direktem Körperkontakt zur Fensterscheibe am meisten. Die extremen Verzerrungen der Haut, die uns zu ganz seltsamen Wesen werden lassen, faszinieren nicht nur uns. Immer wieder bleiben PassantInnen gebannt stehen, lachen, fragen, schauen verdutzt, verweilen. Kaum einer, der nicht aus seinem Alltag gerissen wird. Was die Menschen interessiert und fasziniert sind aber nicht nur die Entstellungen, es ist auch die Art der Kommunikation, die wir mit- und untereinander entwickelt haben. Obwohl wir meist mit geschlossenen Augen und wie im Schlaf, im Traum agieren, sieht man, dass wir permanent kommunizieren: Wir reagieren aufeinander, ändern plötzlich den Rhythmus, machen manchmal sogar abrupt sehr ähnliche Bewegungen. Viele BetrachterInnen waren bzw. sind der Meinung, das sei alles einstudiert. Einstudiert sind aber nicht Bewegungsabläufe – geübt, geschärft und entwickelt ist unsere Kommunikation, und zwar in unserem nun schon so lange währenden Improvisationslabor. Das Unerwartete, das Unerklärbare, das Ausgeliefertsein, die Situation an der Scheibe ermöglicht es den BetrachterInnen, uns ähnlich wie in einem Aquarium lange und intensiv zu beobachten. Die ZuseherInnen – obwohl nicht im Theater, vor einer Bühne, sondern auf der Straße, im öffentlichen Raum – dürfen schauen, so lange sie wollen, und sind doch nicht zu nah, zu unverschämt.
Ein weiterer Projektbaustein zur Öffentlichkeitsarbeit ist das Unbegründet Stehen bleiben. Als Obdachlose und Punks vor einigen Jahren vermehrt genau deswegen inhaftiert bzw. mit einer Geldstrafe belegt wurden, probten auch wir das unbegründete Stehen bleiben – ein Ausloten der Grenzen von Legalität körperlicher Anwesenheit im öffentlichen Raum. Eine Erweiterung dieses Projekts bestand darin, in einer großen Gruppe auf hochfrequentierten Plätzen zu laufen und zu liegen.
Beim topographischen Projekt Wien umgehen des TQW (2002) wurde unser künstlerischer Leiter Miguel Angel Gaspar eingeladen, 10 Tage im 19. Bezirk zu leben und zu arbeiten. In diesem Setting begannen die urbanen Landschaftsgestaltungen. Wie beim Unbegründeten Stehen bleiben gestalteten wir definierte Plätze mit unserem Stehen oder Rennen um. Wesen, die aufeinander reagieren, Raum und Zeit gestalten, ohne sich sprachlich zu äußern, ohne Verabredungen zu treffen, ohne mit den Augen den Kontakt zu suchen, um so Informationen zu erhalten. Ähnlich wie Ameisen, Fisch- oder Vogelschwärme.
Eine temporäre Besetzung theatraler Räume vollzogen wir in dem Projekt Squatting. Für die Teilnahme an einem Improvisationstheaterfestival im Wiener TAG verwendeten wir ein spezielles Regelsetting von Sprach- und Körperinterventionen, das wir im Rahmen eines vorgegebenen, „fremden“ Bühnenbildes improvisatorisch zur Anwendung brachten. Auf diese Weise entstand Squatting – Wir besetzen Ihr Bühnenbild, das wir im Kosmos- und im 3raum-Theater ausführen konnten. Das Projekt weitete sich in der Folge auf Squatting – Wir besetzen Ihr Theater aus, mit Auftritten in der Neuen Bühne Villach, im Wiener Theater des Augenblicks (auf Einladung von tanztheater konnex) und im WUK (im Rahmen des Festival kiosk 59): Eine Gruppe von Menschen, die unvermittelt auftaucht – Essen, Trinken, Lektüre und Zahnbürste im Rucksack –, den Raum erforscht, für kurze Zeit von ihm Besitz ergreift, etwas von den inneren Seelenlandschaften nach außen bringt, die Sachen zusammenpackt und wieder verschwindet.

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Helmut Neundlinger: geb. 1973, lebt als freier Autor und Kulturjournalist in Wien. Publikationen u. a. Tagebuch des inneren Schreckens. Essays über Hermes Phettbergs Predigtdienste (2009); Tagdunkel. Gedichte (2011)

Gerda Schorsch: geb. 1970, lebt als freischaffende Tänzerin, Performerin, Choreografin in Wien. Mitglied des Carpa Theater seit 2000.

Carpa Theater: Claudia Mader, Gerda Schorsch, Judith Guadalupe Aguilar, Norma Espejel, Oliver Schrader, Miguel Ángel Gaspar; Gast: Matthias Mollner; Leitung, Video, Sounds: Miguel Ángel Gaspar.
Im Rahmen des Projektes Öffentlichkeitsarbeit wird das Carpa Theater immer wieder Aktionen für Live-Publikum veranstalten, u. a. im Kubus von Valie Export (Gürtel, Nähe U6-Station Josefstädterstraße), voraussichtlich im September. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben.
www.carpatheater.org
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