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gift April - Juni 09
Theater unter Sternen Sommerspiele in Niederösterreich und die freie Szene in Wien

Von Doris Hotz

„Im Sommer bin ich draußen in Niederösterreich“
– „Aha.“
„Ja, die zahlen gut. Zum Proben fangen wir jetzt schon an – in Wien, sehr bequem. Nett sind sie, die Leute draußen. Im letzten August hat mich einer einfach auf ein Viertel eingeladen: weil ihr Schauspieler ja eh nichts habt.“
– „Stimmt.“



So manche/r kennt das. Allsommerlich gibt es in Niederösterreich mindestens 30 Sommerspiele, an deren Zustandekommen und Gelingen KünstlerInnen und TechnikerInnen aus der Wiener freien Szene maßgeblich beteiligt sind. Auch darf man für den Erfolg der Spiele den Zustrom des Wiener Publikums nicht vergessen. Die KünstlerInnen fahren aufs Land, damit sie dort von ihrem Publikum unter Sternen oder an einem romantischen Ort mit Überdachung gesehen werden können.
Dabei ist Sommertheater nicht nur etwas für Theaterbegeisterte, sondern auch eine gute Gelegenheit, mehrere Personen zu einem gemeinsamen Ausflug aufs Land zu motivieren. Für die einen zählt der Klassiker, der dort sicher nicht langweilig, sondern mit Witz und Lokalkolorit aufgeführt werden wird. Andere erhoffen sich, den Hauptdarsteller, den man schon aus dem Fernsehen kennt, hier hautnah „in echt“ erleben zu dürfen. Für die Mehrzahl der ZuschauerInnen aber besteht der Reiz der Sommerspiele in einer gelungenen Verknüpfung von Landschaftserlebnis und Kulturgenuss. Und es kommen auch diejenigen nicht zu kurz, die sich an herrlichen Weinen und anderen ländlichen Gaumenfreuden erquicken wollen.
Das Programm der Sommerspiele umfasst die unterschiedlichsten Theater-Genres, in-door oder open-air: In Amstetten, Gutenstein, Stockerau und Staatz kann man Musicals erleben. In Baden und Langenlois pflegt man die Operette, in Gars am Kamp, Klosterneuburg, Reinsberg, Retz und auch in Laxenburg stehen Opern auf dem Programm. Die weiteren Spielorte widmen sich dem Schauspiel. Dabei hat jede Spielstätte ihr ganz eigenes Profil entwickelt, das oft mit den örtlichen Gegebenheiten zusammenhängt. In Baden hat man im Kurpark ein festes Haus mit einem historischen beweglichem Glasdach, das einen Operettengenuss unter Sternen erlaubt, auch das Berndorfer „Arbeitertheater“, erbaut vom Architektenduo Fellner & Helmer, ist schon als Gebäude einen Besuch wert. Hier spielt Felix Dvorak mit seinem Ensemble ebenso wie beim Schloss Weitra Festival. Nestroy ist der beliebteste Sommerspiel-Autor, daher sind der Nestroypflege gleich zwei Spielstätten gewidmet: Nestroy auf Liechtenstein und die Nestroyspiele in Schwechat. Auch Shakespeare-Stücke sind aus dem Sommertheater-Repertoire nicht wegzudenken; auf der Rosenburg im Turnierhof, in dem auch Falkner-Vorführungen stattfinden, ist seit 2002 das Shakespeare-Festival beheimatet. In Melk werden große Stoffe der Weltliteratur dramatisiert und eigens für den Spielort mit Aussicht auf das Stift adaptiert.
Auf Burgen, vor Schlössern, in Stiften und Gewölben; mit dem Auto, dem Shuttle-Bus oder zu Fuß erreichbar; von der Boulevard-Komödie bis zum Klassiker, vom Monodrama in Reinsberg bis zur Oper mit Chor und Orchester in Klosterneuburg: das Angebot ist groß und breit gefächert.
Dass die RegisseurInnen, SchauspielerInnen, SängerInnen und weitere Mitwirkende hauptsächlich aus Wien kommen, hängt natürlich damit zusammen, dass sich die meisten österreichischen Theaterschaffenden in Wien aufhalten, wo Österreichs Theaterdichte am höchsten ist. Nicht wenige Personen sind für mehrere Sommerspiele tätig. Adi Hirschal beispielsweise war bis 2008 Intendant des Theatersommers in Haag, künstlerischer Leiter des Wiener Lustspielhauses und inszenierte und spielte auf der Franzensburg in Laxenburg. Susanne F. Wolf, die allsommerlich die Komödien für den Laxenburger Kultursommer adaptiert, hat eine Fassung von Krieg und Frieden für die Sommerspiele Melk 2009 geschrieben.
Wie in der freien Szene trifft man auch bei den Sommerspielen meist auf gewachsene Strukturen. Man kennt sich und weiß, was man voneinander zu erwarten hat. Daher lässt man sich immer wieder auf einen gemeinsamen Sommer ein, wobei – wie bei den freien Gruppen auch – die Planung und Geldbeschaffung ganzjährig läuft. Die zum Theaterfest Niederösterreich zusammengeschlossenen 23 Spielstätten haben über einen Fördervertrag mit dem Land Niederösterreich die Zusicherung von Subventionen bis ins Jahr 2013, was die Vorausplanung erleichtert. Allerdings machen die Landesmittel immer nur einen Teil der Finanzierung aus, die VeranstalterInnen müssen noch Gelder von Gemeinden und durch Sponsoring auftreiben. Doch sobald nur eine der Geldquellen ausfällt, kann das fatale Folgen haben.
Einige kleine Spielstätten sichern sich daher durch Ko-Produktionen ab. Das Hoftheater Gossam in Emmersdorf hat schon Sommerproduktionen mit dem Wiener Ensembletheater am Petersplatz gemacht. Die Sommerspiele in Sitzenberg-Reidling koproduzieren mit der Freien Bühne Wieden; der Filmhof Weinviertel in Asparn zeigt Stücke, die auch am Landestheater Niederösterreich zu sehen sind.
Andere Spielstätten profitieren von der Infrastruktur eines Ganzjahresbetriebs: Bruno Max bespielt mit seinem Theater zum Fürchten während der Theatersaison sowohl das Theater Scala als auch das Stadttheater Mödling – und im Sommer den kühlen Mödlinger Bunker mit seinen Stationendramen. Das Wald4tler Hoftheater in Pürbach hat sich von der einstigen Sommerspielstätte zum Ganzjahresbetrieb verbessert, wobei seine Saison nicht im Herbst, sondern im Mai beginnt. Für den Sommer 2009 ist die Aufführung von Felix Mitterers Munde in der Waldviertler Natur geplant.
An all diesen Produktionen sind MitarbeiterInnen aus der Wiener freien Szene beteiligt. Sind die niederösterreichischen Sommerspiele also im Grunde eine Wiener Angelegenheit?
So einfach ist das nicht. Zwar kommt auch das Publikum großteils aus Wien. Doch sind darunter viele Ex-NiederösterreicherInnen, die in Wien leben. Außerdem tut das Land Niederösterreich etwas für seine Sommerspiele. Die Subventionen sind nicht üppig, wurden aber immer wieder erhöht. Und vor allen Dingen ist es ja die niederösterreichische Landschaft, in welche die Aufführungen eingebettet sind.
Und sollte mir demnächst eine Schauspielerin erzählen, dass sie in Niederösterreich beim Sommertheater beschäftigt ist, so werde ich das zum Anlass nehmen, einige FreundInnen zu einer Landpartie zusammenzutrommeln. Oder gibt es einen besseren Grund für einen gemeinsamen Ausflug ins Grüne, als einen Theaterabend an lauer Luft und unter Sternen?

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Doris Hotz ist Kulturwissenschaftlerin, Dramaturgin und Autorin des im Herbst bei Böhlau erscheinenden Überblicks Festspiele in Niederösterreich 1945 bis heute – Panorama einer Festspiellandschaft.

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