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gift April - Juni 09
Die Flucht vor dem zivilisierten Körper Ab dem 4. Mai sind die GewinnerInnen des Theaternachwuchs-Wettbewerbs Schöne Körper im Theater Drachengasse zu sehen.

Von Valerie Kattenfeld

Wenn man sich die Konzepte der diesjährigen NewcomerInnen des Theaters Drachengasse durchliest, könnte der Eindruck einer Sehnsucht nach Entkörperung entstehen. In den eingereichten Skizzen lösen die ProtagonistInnen ihre Bewegungen aus zivilisierten Kontexten, suchen die Befreiung im egalitären Urmenschlichen oder verstecken sich hinter schwarzen Stoffbahnen. Die Annäherung an das Thema Schöne Körper erfolgt also praktisch von hinten, von der Negativ-Seite.
„Bei der Auswahl war es uns wichtig, Projekte zu nehmen, die das Thema in einen größeren Kontext stellen“ erzählt Eva Langheiter von der Drachengasse im Interview. So gab es beispielsweise viele Ideen zu Anorexie, von denen die meisten aber nicht über einen privaten Rahmen hinausgingen. Anders Schneewittchenpsychose von dem 2008 gegründeten Kollektiv Faimme. Sophie Reyer stellt in ihrem Text das Mädchen Nana der Anorexie-Göttin Ana gegenüber, die immer mehr in sie eindringt, gleichzeitig wird die in ihrem Zimmer eingeschlossene Nana über eine Moderatorin im Fernseher mit Fakten über Hunger und Krankheit bearbeitet und manipuliert. Christian Haake filmt dabei die Schauspielerinnen Ruth Ranacher und Gina Mattiello, will mit schnellen Wechseln zwischen Bühne und Film die Gespaltenheit der Personen zum Ausdruck bringen.
Newcomer ist ein vom Theater Drachengasse initiierter Wettbewerb zur Förderung von Theaternachwuchs. Das vermehrte Auftreten von Anfragen von Einzelpersonen sowie die Förderschwierigkeiten für junge Menschen brachten die künstlerischen Leiterinnen Eva Langheiter und Johanna Franz auf die Idee, die sich erstmals 2008 unter dem Ausschreibungstitel Ein Lob den dummen Frauen verwirklichte. Damals wie heuer wurden exakt 73 Projekte im vorgegebenen 20-Minuten-Format eingereicht. Den vier Auserwählten dieses Jahres stehen nun sämtliche Ressourcen zur Verfügung: Ein Produktionsbudget von 5000 Euro, ein Proberaum für drei Wochen, Zugriff auf den Fundus des Hauses, technische und dramaturgische Betreuung und Öffentlichkeitsarbeit. Das Kämpfen um die eigene Existenz bleibt den GewinnerInnen, die großteils Frauen und Studentinnen sind, also wenigstens im Hinblick auf diese Produktion erspart.
Zusätzlich wird es in der nächsten Spielzeit zwei weitere Stücke geben, die aus den Einreichungen hervorgegangen sind, die allerdings „nicht ganz Newcomer und nicht ganz das Thema“ waren, aber trotzdem zu abendfüllenden Produktionen ausgearbeitet werden: Fuck the Pain away oder Punk is dead! Sex am Acker vom Theaterkollektiv Sequenz und Warum liegt hier Stroh rum? von Ensemble08. Der Grund für diese Entscheidung seitens der Drachengasse liegt darin begründet, dass die Konzepte zu gut waren, um sie nicht zu verwirklichen, aber auch zu umfangreich, um sie in zwanzig Minuten unterzubringen.
Die Auseinandersetzung mit den schönen Körpern ist in einer Zeit, in der es normal ist, sich mit 16 „die Nase machen“ zu lassen, eine notwendige. Dabei will keine/r der jungen TheatermacherInnen belehren oder Lösungen anbieten. Perspektiven auf die Thematik sollen angeboten werden, aber keine SchauspielerInnenkörper per se. Die Frage, ob eine/r ihrer DarstellerInnen nicht ganz dem gesellschaftlich propagierten Ideal entspreche, verneinen alle. Ist aber auch irgendwie klar: wenn der Rahmen schon so deutlich vorgegeben ist, hat die Darstellung eigentlich kaum eine andere Möglichkeit, als die, sich zu entziehen. Alles andere wäre plakativer Voyeurismus à la: „Auch dicke Leute auf der Bühne können dufte sein!“ Also wird transformiert, die Negation des Offensichtlichen angewendet. So zum Beispiel die Gruppe h:r:z (Iris Blauensteiner, Kathrin Wojtowicz), die in ihrem Projekt Flimmern aus einem Repertoire an alltäglichen Bewegungen und gestischen Codes im Clubumfeld schöpft und diese wiederum mit wissenschaftlichen Texten in Verbindung bringt.
„So viele Menschen leben ohne ihren Körper“ ist einer der hängen bleibenden Sätze in dem Gespräch mit den NewcomerInnen im Cafe Jelinek Anfang März. Brigitte Auer, Josephine Ehlert, Iris Blauensteiner, Kathrin Wojtowicz, Alexander Matthias Kosnopfl, Ruth Ranacher und Gina Mattiello nennen Beispiele: gerade sitzen, Haltungsschäden, Menschen, die dauernd mit hochgezogenen Schultern durch die Gegend rennen, Frauen, die sich in Pose werfen, weil sie wissen, welchen Effekt angewandte Körperlichkeit hat – auch, wenn sie unbequem ist.
Ähnlich wie die „Heckenkriecher“ in Josephine Ehlerts Fleischmarkt sehnen sich vermutlich viele nach einem naturverbundenen Urzustand, in dem alle Körper gleich und von konventionellen Bewegungscodes losgelöst sind. Die Schauspielstudentin des Konservatoriums inszeniert mit ihren KollegInnen einen Machtkampf, bei dem zwei Parteien das Ziel verfolgen, das Aussehen der Menschen in ihrem Sinne zu gestalten. Die Antagonisten der „Heckenkriecher“ sind die ästhetisch bedachten „Gesichtsschlüpfer“, die gerne mit einem „Lächeln auf den Lippen und ohne Fragen zu stellen“ leben möchten. Sie glauben an „die Ästhetik und das Fortbestehen der überlegenen menschlichen Rasse“. Eine Frau mit Doppelkinn würden die „Gesichtsschlüpfer“ beispielsweise nicht unter sich dulden. Was aber, wenn diese selbst gar kein Problem damit hat, durch die Kommentare von außen aber permanent verstört wird? „Wenn man nicht so aussieht, wie man es erwartet, kommen Reaktionen“, sind sich die NewcomerInnen einig.
Eine Burka auf der Straße erwartet man in Österreich beispielsweise nicht unbedingt. Changing Names alias Brigitte Auer möchte da gern hinschauen, aber „man darf ja nicht starren“. In einem Textteppich aus Online Foren, 1001 Nacht und anderen poetischen und religiösen Schriften polarisiert sie zwischen aufgedrücktem Körperkerker und Befreiung durch Nichtfreigabe des Fleisches in einer entblößten Gesellschaft. Beim zentimeterweisen Her-Zeigen von immer mehr Hautoberfläche dürfen/sollen sich auch die SchauspielerInnen den Zuschreibungen ihrer Regisseurin widersetzen.
Wie das konkret aussehen wird, weiß diese aber vor Probenbeginn selbst noch nicht so genau – ein Umstand, den sie mit h:r:z, Faimme und den Konservatorium-StudentInnen teilt und mit dem das Team der Drachengasse gelassen umgeht. Katrin Schurich bietet in der Probenzeit dramaturgische Betreuung an, drängt sich aber nicht auf, wenn kein Bedarf besteht. Die TheatermacherInnen können nach Laune herumexperimentieren, ihnen wird vertraut. Vom Endergebnis werden wohl viele überrascht sein, was schließlich auch der Philosophie des Wettbewerbs entspricht. Denn: Wer sich auf nichts Neues einlässt, kann keine NewcomerInnen entdecken!



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Schöne Körper von 4. – 23.05.2009
Theater Drachengasse, Fleischmarkt 22, 1010 Wien
Karten: 01 513 14 44
www.drachengasse.at
Am 23. Mai Verleihung des Publikums- und Fachjury-Preises


Valerie Kattenfeld, 1984 in Wien geboren, Studium der Theater-, Film und Medienwissenschaften, Absolvierung der Schauspielhaus Akademie, Ausbildung zur Dramaturgin; Auslandsaufenthalt in Perugia (Italien) in dem Theater- und Filmzentrum „Lavori in Corso“; daran anschließend Tätigkeiten als Regieassistentin, Journalistin, Organisatorin, Autorin, Dramaturgin, Networkerin ... (Linz09, Dschungel Wien, Ö1, Kulturverein Cocon, Seppia Film, Augustin, Radio Orange, meyerhold.unltd., IG Freie Theater, eSeL, MR-Film, Schreibklasse Schauspielhaus etc.). 2009 Gewinnerin der Schreibzeit-Literaturausschreibung für Kinder- und Jugendliteratur im Dramatikbereich.
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