theaterspielplan.at
Kontakt
 
deutsch
English information
Information française
Kulturpolitik
Positionspapier der IG Freie Theaterarbeit zur Wiener Theaterreform
IG Freie Theaterarbeit, im April 2005

Das Positionspapier zur Wiener Theaterreform behandelt die Themen:
- Kuratorium
- Evaluation
- ExpertInnengremien
- Transparenz und Controlling des Reformprozesses/Planungssicherheit
- Koproduktionshaus
- Grundlegende Problemlagen

I. Kuratorium

Die KuratorInnen werden von der Szene in ihrem Dialogangebot als Institution ausdrücklich begrüßt, in ihrer mehrfach belegten Funktion aber mehrheitlich als eine Art “Superintendanz“ wahrgenommen. Die Mehrfachrolle der KuratorInnen ist unter organisationsstrukturellen und demokratiepolitischen Gesichtspunkten ein Problem: Ein Konzept zu erstellen und dann als Kuratorium für den Umsetzungsprozess zu begleiten, ist eine vertretbare Aufgabenübernahme. Mit der gleichzeitigen Übernahme der Projektentscheidungen ist jedoch eine grundlegende Gewaltenteilung demokratiepolitisch nicht gewährleistet.

Mit der Übernahme der Projektentscheidungen werden alle Recherche- und Kommunikationsprozesse mit der Szene von der Grundsituation beeinträchtigt, dass die Gesprächspartner auch Projekteinreichende sind. Dadurch wird die grundsätzliche konzeptionelle Arbeit des Kuratoriums kommunikativ verfälscht und der Dialog mit der Szene steht unter der Verzerrung durch Abhängigkeiten, bzw. einer hierarchischen Grundkommunikationssituation.

Forderung der IGFT:
- Jahresbericht (vgl. Studie) des Kuratoriums
- Organisationsstrukturelle Entkoppelung von konzeptioneller und bewertender Arbeit
- Umgehendes Ausschreiben und Einsetzen (bis spätestens Ende 2005) der in der Studie geforderten Theaterkommission
- Angemessene Abgeltung der Leistungen der Theaterkommission
- Controlling der Einhaltung der bislang festgelegten Ziele der Reform und Beratung der MA7 und aller Proponenten der Reform


II. Evaluation

Zusätzlich ist dringend eine doppelt angelegte den Reformprozess begleitende Evaluation notwendig:
Zum einen geht es darum, grundlegende quantitative und qualitative Erhebungen über die bestehenden Theaterspielorte und Gruppen zu sammeln und zu dokumentieren (insbesondere aus den Einreichungen Rechenschaftsberichten, die der MA7 vorliegen)
Zum anderen ist dringend eine begleitende Evaluation erforderlich, mit der ermittelt werden kann, ob die Reform in ihrer Umsetzung auch den selbst gegeben Zielen folgt (Beispiel: die Reform hat nicht vor, Frauen zu benachteiligen - eventuell klafft aber durch die getroffenen Entscheidungen eine Genderproblematik auf, ebenso ist es möglicherweise mit Kinder-undJugendtheatermacherInnen, MigrantInnen).
Zusätzlich können in einem Evaluationsprozess die dringend zu ermittelnden Altbelastungen (z. B. Höhe und Arten von bestehenden Verschuldungen) festgestellt werden, um auch hierfür strukturierte Lösungen zu finden.
Dabei ist es unabdingbar bzw. für den Erfolg der Evaluation entscheidend, dass sie einerseits unter unabhängigen Bedingungen in einem nicht weisungsgebundenen Arbeitsverhältnis erfolgt, andererseits der Einblick in das Datenmaterial insbesondere der MA7 möglich wird.


III. ExpertInnengremien

Für besondere Agenden wie Gender (das betrifft insbesondere das KOSMOS bzw. eine Fachbeiratsstruktur) das einen und Migration (das betrifft den Bereich interkulturellen Theaters in der Ausprägung eines Schnittstellenbereichs zwischen ästhetischer und soziokultureller Arbeit) und eventuell auch Theater für Kinder und Jugendliche (das betrifft Qualitätsdebatte und bildungspolitische Implikationen) bedarf es nach Meinung der IGFT der Einrichtung von ExpertInnengremien als Aufsichts- und Leitorganen, denen wesentliche Entscheidungskompetenz über das Agendum/die Einrichtung zugesprochen werden sollte - bzw. eine wesentliche Rolle in den künftigen Findungsgremien bei spezifischen Ausschreibungen/ Auslobungen.


IV. Transparenz und Controlling des Reformprozesses - Planungssicherheit

a) Jury/Konzeptenscheidungen:


Wesentliche Entscheidungen im Reformprozess sind in den Konzeptentscheidungen der Theaterjury gefällt worden, doch in vielen Fällen sind immer noch keine konkreten Förderhöhen ausgehandelt.
Wie ist der Stand der Verhandlungen mit den Theatern/Spielorten, die für 2007 von derJury zur Ausschreibung vorgeschlagen wurden?
Welche Übergangsregelungen für nicht zur Förderung vorgeschlagene Spielorte sind getroffen worden und für welchen Zeithorizont?
Welche Maßnahmen sind zur Abfederung sozialer Härten geplant und budgetiert?
Wie ist der Stand der Auslobungen, die ab 2005 als Maßnahme budgetiert werden sollten, nun aber anscheinend erst ab 2006 realisiert werden.
Wer entscheidet über sie?
Wieweit sind die konzeptionellen Überlegungen für die Einrichtung eines Koproduktionshauses gediehen bzw. für die künftige budgetiäre Aufwertung bestehender Spielorte als Koproduktionshaus?

Forderungen der IGFT:
- Transparente Verhandlungen und Offenlegung der vereinbarten Übergangsregelungen
- Umgehende Ausschreibung von Spielorten für 2007
- Differenzierte Argumentation der zur Ausschreibung vorgeschlagenen Spielorte
- Transparente Diskussion möglicher Rechtsformen für die künftigen Strukturen


b) Projektentscheidungen:

Bei den momentanen Einreichterminen (jährlich 15.1. und 15.4.) bzw. bei den drei letzten Einreichterminen besteht das strukturelle Problem einer zeitlichen Überlappung des folgenden Einreichtermins mit der Entscheidung des vorherigen.
D.h. die Einreichenden stehen grundsätzlich in der Verlegenheit, zum neuen Einreichtermin noch nicht oder gerade erst die vorhergegangene Entscheidung zu kennen - das ist sehr ungünstig für Konzeptentwicklungen und sollte dringend überdacht werden.

Ab jetzt muss in den Projektentscheidung nicht mehr Rücksicht genommen werden auf die bis dato festgeschriebenen Dreijahresförderungen. Laut Pressekonferenz von Kulturstadtrat Mailath-Pokorny vom vergangenen November sollte jetzt endlich ein wesentlich erhöhtes Budget ( insgesamt 4 Million Euro pro Jahr) im Projektförderbereich zur Verfügung stehen.
Wie ist die reale Budgetentwicklung im Bereich der Projektförderungen?

Forderungen der IGFT:
- Abstimmung der Einreich- und Entscheidungszeiträume auf eine optimale Planungslogistik der Einreichenden
- Einhaltung von angekündigten Empfehlungsfristen (Entscheidungen öffentlich spätestens drei Wochen vor dem nächsten Entscheidungstermin)
- Maßgebliche Budgeterhöhung im Projektvergabebereich
- Berücksichtigung eines Budgetpostens für kurzfristige Projekte (Verbesserung der Reaktionsfähigkeit auf aktuelle Prozesse/Ereignisse)
- Einrichtung eines eigenen Budgetpostens für grundlegende Strukturmaßnahmen wie Verbesserung in Marketing u. Vertrieb sowie der Einrichtung von Koproduktionshäusern
- Bereitstellen von zusätzlichen Mitteln für derartige Strukturmaßnahmen als Bedingung der Effektivität der Reform


V. Koproduktionshaus

Im Kontext der Reform ist die Umwidmung bzw. budgetäre Aufwertung ausgesuchter bestehender Spielorte als Koproduktionsstätten und die Einrichtung eines neuen multipel nutzbaren Spielortes als Koproduktionshaus geplant.
Viele Theaterschaffende stehen einer solchen Einrichtung jedoch mit grundlegender Skepsis gegenüber - sie fürchten eine zusätzliche Abhängigkeit von der Intendanz des jeweiligen Koproduktionshauses und eine stärkere Konzentration von Mitteln und Vergabemacht in solchen Häusern – analog der Entwicklung mit Einrichtung des TQW und aktuell spürbaren Tendenzen auch seit der Eröffnung des Dschungel.

Die IGFT teilt die bestehenden Bedenken und steht momentan der Einrichtung eines neuen zusätzlichen Koproduktionshauses ambivalent gegenüber.
Hier gilt es schon vor/bei der Einrichtung einer solchen neuen Struktur diese grundlegende Problematik mit zu bedenken (wichtige Aufgabe für das Kuratorium!!) und geeignete Maßnahmen zu erdenken, die eine solche zusätzliche Machtkonzentration/Zentralisierung möglichst verhindern (auch Monopolstellung gegenüber den Fördergebern).
Gleichzeitig gilt es, bei der aktuellen Bewertung der bestehenden Spielorte, deren bisherige Koproduktionaktivitäten im Verhältnis zum Grundbudget stärker zu würdigen.


VI. Grundlegende Problemlagen

Auch mit den bisherigen Maßnahmen der Wiener Theaterreform ist es nicht gelungen, die grundlegende Schere zwischen der Subventionierung von größeren institutionellen Strukturen und der Freien Theater- und Tanzszene aufzuheben:
Die Fördermargen erlauben weiterhin kaum/keine Anstellungsverhältnisse, weil sie von vornherein nicht so bemessen sind, dass Arbeitgeberanteile, Lohnverrechnungsstrukturen etc. mitbedacht bzw. mitbudgetiert werden.

Zudem wird der Reformprozess durch parallele Maßnahmen der Kulturabteilung der Stadt Wien konterkarriert:
Die künftige Subventionierung der Vereinigten Bühnen beträgt das doppelte Volumen der gesamten im Reformprozess zusammengefaßten Spielorte und Konzept- und Projektförderungen. Hinzu kommt der umstrittene Ronacherumbau für 46 Millionen trotz schlechter Prognosen der Auslastungsentwicklung und trotz erwiesener nicht vorhandener Umwegrentabilität.
Die Förderung von 200.000 Euro zur Eröffnung einer weiteren Bühne des Volkstheaters scheint kontraproduktiv, wenn im Reformprozess gleichzeitig ein Dutzend Bühnen künftig nicht mehr subventioniert werden sollen und die Planung eines Koproduktionshauses ohne Mittelerhöhungen des Gesamtbudgets geplant ist.
Für das Sommertheater von Adi Hirschal mit einer Spielzeit von zwei Monaten wird für die Wiederaufnahme der Produktion vom Vorjahr ein Betrag bewilligt, der die Jahressubvention des Kosmostheaters um 100.000 Euro überschreitet. Die Jahresmargen für den Geschäftsführer sind dabei so hoch ( vgl. Standard), dass selbst seine Schauspieler sich öffentlich empören.

Forderungen der IGFT:
- „Weg von der zwei 'Klassen'bewertung“:
Einbeziehen auch größerer Institutionen in den Reformprozess (vgl. Leitbild).
- Einrichten von Fensterformaten und Schnittstellen-Dramaturgien für Freie Produktionen in den großen Häusern.
- Fördermargen ermöglichen, die Anstellungsverhältnisse erlauben und damit die Freie Theaterarbeit strukturell aus dem Graubereich der Illegalität holen.
- Einreich- und Entscheidungsfristen, die künftig eine bessere Planungssicherheit ermöglichen.
- Mehr Transparenz und bessere Kommunikation des Reformprozesses nach außen.
- Bereitstellung von zusätzlichen Mitteln (Koproduktionshaus, Sozialübergangsfonds, Infrastrukturmaßnahmen für Marketing und Vertrieb) zur Gewährleistung des Gelingens des Reformprozesses.

Zusätzlicher Wunsch:
Politische Mitarbeit aller am Reformprozess beteiligten Parteien an der Implementierung eines umfassenden KSVG.


[e]
© 2008 IG Freie Theaterarbeit · Impressum