theaterspielplan.at
Kontakt
 
deutsch
English information
Information française
Kulturpolitik
Wir werden auf die Barrikaden gehen!
Presseaussendung von KünstlerInnen, 7. April 2005

Auf welchem Kurs segelt die „Wiener Theaterreform“?

Im Frühling 2003 erschien unter dem Titel „Freies Theater in Wien – Reformvorschläge zur Förderung Freier Gruppen im Bereich der Darstellenden Kunst“ jene Studie, die als Grundlage der sogenannten „Wiener Theaterreform“ dienen sollte.
Die AutorInnen unternahmen es, Mängel der damaligen Förderpraxis aufzuzeigen und versuchten, die Ursachen ebendieser Mängel zu identifizieren mit dem selbst formulierten Ziel, „die Arbeitsmöglichkeiten im Freien Theater so zu gestalten, dass es nicht aufgrund seiner Produktionsbedingungen von vornherein ein Theater minderer Güte sein muss.“

Die Studie bezeichnete die damals geübte Praxis der Projektförderungen als „Förderung des Mangels.“ Insbesondere monierte sie die starke Streuung der Fördermittel: „Es entstehen dadurch zu viele unterdotierte Projekte, die schwerlich in einer professionellen Arbeitsweise und vielfach nur unter den Bedingungen von Selbstausbeutung möglich sind.“ Stattdessen wurde urgiert, „die öffentliche Finanzierung Freien Theaters in Wien sollte sich künftig auf eine deutlich kleinere Zahl von in diesem Sinne Erfolg versprechenden Projekten konzentrieren. Abgesehen von einer dezidierten Anfängerförderung beim Einstieg in das Freie Theater sollten Künstler dann jedoch nach dem Grundsatz „ganz oder gar nicht“ in einer für professionelles Produzieren ausreichenden Weise finanziert werden.“

Die Politik ließ sich von den vorgebrachten Argumenten und Vorschlägen sehr rasch überzeugen. Wohl weil es gerade gröbere Probleme gab, die den Beiräten zugesagten Fördermittel tatsächlich bereitzustellen, und weil andererseits die Studie die Bildung eines Kuratoriums als Motor der künftigen Reform angeregt hatte, wurden die Beiräte kurzerhand aufgelöst und drei Kuratoren ernannt. Es waren die drei StudienautorInnen.

Die „Wiener Theaterreform“ war auf dem Weg.

„Die Aufgabe, Theater für Kinder und Jugendliche zu machen („Theatre for a Young Audience“) sehen wir für die Zukunft als Querschnittsaufgabe an, die über ihre marginale, schwach dotierte Position im Freien Theater hinaus zu entwickeln ist“, so hatten die StudienautorInnen und nunmehrigen KuratorInnen formuliert, und das nährte bei den in diesem Bereich arbeitenden Theatermachern einige Hoffnung. Auch dass „den meisten Künstlern mit einer aufgewerteten, höher dotierten und flexibler gestalteten Projektförderung besser gedient“ wäre, war nicht zu bestreiten und hörte sich gut an. Es werde sogar - laut Studie - „darauf geachtet werden, dass die Beschäftigung von Künstlern und anderen Mitarbeitern im Rahmen des geförderten Projektes dem Sozialversicherungsrecht entspricht“. Sich an derart teure Rechtsvorschriften zu halten ist ein Luxus, den sich bis dahin im freien Theaterbereich kaum jemand hatte leisten können. Die Gruppen wurden vom neu bestellten Kuratorium wiederholt dazu aufgefordert, realistische Kalkulationen einzureichen, denen im Fall der Förderung entsprochen werde.

Bald aber gab's lange Gesichter: beim bisher wichtigsten Reformschritt, der Vergabe von Vierjahresförderungen, wurde das Theater für Kinder und Jugendliche nur marginal berücksichtigt.

Und was die Projektförderungen betrifft, häuften sich die Horrormeldungen: die realistisch kalkulierten Beträge werden nicht selten um bis zur Hälfte gekürzt. Gelegentlich auch darüber hinaus. Nach welchen Kriterien das geschieht, ist vollkommen undurchschaubar. Wird nach dem Zufallsprinzip vorgegangen? Richtet man sich nach einer Rangordnungsliste der Gruppenreputation? Nach dem geringsten zu erwartenden Widerstand? Nach einer ungefähren Einschätzung, wem man welche Stückdimensionen zutraut?

Die von einer solchen Radikalkürzung betroffene Gruppe steht jedenfalls famos da: sie hat einerseits eine Projektplanung und andererseits eine Förderungszusage, mit der sie allerdings das geplante Projekt nicht verwirklichen kann. Aber dafür ist die Zusage fix. Die Gruppe wird also intern ein anderes - wenn auch nach Möglichkeit dem Anschein nach ähnliches - Projekt neu planen und neu kalkulieren – sicherlich jedoch unter dem alten Namen, damit es keine Probleme gibt – und braucht nun dieses neue Projekt nicht mehr einzureichen, weil sie dafür die Gelder verwenden darf, die sie für das Projekt bekommen hat, welches sie wegen der besagten Radikalkürzung nicht machen kann.

Was eine allfällige Studie über eine solche Förderungspraxis sagen würde, ist schwer zu reduzieren. „Förderung des Mangels“ oder „Gießkanne“ wären darin aber sicherlich die harmloseren Begrifflichkeiten.

Die Studie beschäftigte sich in ihrer Mängelanalyse auch mit dem Problem, dass immer wieder Förderungen an den Beiräten vorbeigeschleust wurden, dem Problem des Sich-richtens bzw. Mauschelns; sie nannte diese Praxis „vorgebliche klandestine Bemächtigungsstrategie“. Die Ursache der Machenschaften war schnell gefunden: es musste die paritätische Besetzung der Beiräte sein. Sie erzeuge „geteilte Loyalitäten“ und somit mehr oder weniger zwangsläufig – sozusagen als Notwehrreaktion von Seiten der Politiker und Beamten – parallele Förderstrukturen. „Wenn hingegen der politisch Verantwortliche ein Beratungsgremium seines Vertrauens ernennen kann, gibt es keinen vernünftigen Grund, parallele Förderstrukturen aufzubauen“, wurde analysiert. Heute ist die paritätische Besetzung Geschichte. Aber leider scheint die Ursache für „klandestine Bemächtigungsstrategien“ (sprich: Mauscheleien) nicht mit ihr verschwunden zu sein: am ernannten Kuratorium vorbei fließen großzügige Fördergelder. Fehlanalyse. Dann lag es wohl doch nicht an der paritätischen Besetzung. Schad drum!
Von Seiten der ehemaligen StudienautorInnen und jetzigen KuratorInnen fehlt zu solchen Details natürlich jede öffentliche Stellungnahme.

Apropos „öffentliche Stellungnahme“. Die Studie postuliert: „Das Theaterkuratorium deklariert öffentlich seine im Einvernehmen mit dem Stadtrat ausgearbeiteten Förderkriterien, bearbeitet – ausgehend von einem fixierten Budget – spartenübergreifend die gesamte Antragsförderung und begründet seine Entscheidungen öffentlich.“
Und: „Das Theaterkuratorium erstattet jährlich einen öffentlichen Bericht über seine Tätigkeit“.

Es gibt bis dato weder diesbezügliche öffentliche Entscheidungsbegründungen noch einen öffentlichen Tätigkeitsbericht.

Die Frage ist: wenn sich die Reformer nicht an den eigenen Zielsetzungen orientieren, woran orientieren sie sich dann? Auf welchem Kurs segelt die „Wiener Theaterreform“?


Lilly Axster, theater foxfire
Pete Belcher
Christoph Bochdansky
Heini Brossmann, Trittbrettl
Helen Brugat, Pipifax Kindertheater
Sabine Dorner, Alexandra Paszkiewicz, Petra Paszkiewicz, Peter Scheibenreif Schneck & Co.
Corinne Eckenstein, Theater FOXFIRE und fe/male polaroids
Natascha Gundacker, Susi Mutz, Puppentheater Tabula Rasa
Peter Hauptmann, Karin Schäfer Figuren Theater
Jochen Herdieckerhoff
Christa Horvath, Märchenbühne Apfelbaum
Helga Hutter
Peter Ketturkat
Ilka & Martin Kotal, Kotal & Kotal
Andreas Moldaschl, Cache-Cache
Paul Kossatz, Lilarum
Stefan Libardi, Theater im Ohrensessel
Cordula Nossek, Dachtheater
Nika Sommeregger, ISKRA
Aurelia Staub, konnex
Rainer Warrings, Smafu
Simone Weis
Kira von Zierotin
Verena Wondrak-Zorell
Hubertus Zorell

Presseaussendung von KünstlerInnen
Wien, 7. April 2005

[e]
© 2008 IG Freie Theaterarbeit · Impressum